Werbetext des Droste Verlages

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, Montag, 3. April 1978, Nr. 65, S. 11.

 

 

Das Urteil eines "Kommißkopps".

Als Gordon A. Craig 1978 mein Buch zur deutschen Armee des Kaiserreichs rezensierte, herrschte gerade in der Geschichtswissenschaft die Lehre vom Primat der Innenpolitik. Eine Schiene wissenschaftlicher Interpretation, die heute durch die weltpolitischen Veränderungen längst überwunden ist. Das schrieb ich bereits 1983, als der NATO-Doppelbeschluss, zur Stationierung der Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa, ankündigte, dass die "Kalmenzone der Weltgeschichte" - wie das Willy Brandt fälschlicherweise 1972 in Stockholm sagte - längst durchschritten war und die Nachkriegs- in eine Vorkriegszeit überging.

Aber auch diese damals neue Richtung der Wissenschaft ging offensichtlich dem Reserveoffizier Craig nicht ins Ohr, denn dieser gerierte sich eher militärfromm und hatte, politisch motiviert, 1955 die Wiederaufrüstung Deutschlands mit der Bundeswehr durch eine Gesamtdarstellung der "Preußisch-Deutschen Armee" zwischen 1645 und 1945 zu unterstützt. War da doch die erst heute durchschaute, grob verharmlosende Theorie von den deutschen Streitkräften als "Staat im Staate" hervorgeholt, und dem an sich 1955 politisch nicht durchsetzbaren Versuch der "Wiederbewaffnung" des Kriegschuldigen, Deutschland, quasi aufgeklebt worden. Selbst der nationalkonservative - und Streiter für die Neubewaffnung (der Monat) - Gerhard Ritter, der jüngst einer umfassenden Biographie für würdig gefunden wurde, erscheint in dessen Biographie Friedrich II. von Preußen (2.A. 1958), wie dem ersten Band des Monumentalwerkes "Staatskunst und Kriegshandwerk" (1959), differenzierter als der demgegenüber eher oberflächlich anmutende Craig.

So gehörte Craig stets zu der extrem konservativen Schiene, vornehmlich der deutschen Geschichtswissenschaft, die Ende der 70iger Jahre, angesichts zunehmender Kritik am deutschen Kaiserreich, den methodischen "Kniff" der vergleichenden Methode ins Gefecht warf, die zugleich - in aller Breite durchgeführt - Basisquellenarbeit verunmöglichte; und damit zugleich das offensichtlich ungeliebte Thema, kritischer Sichten zur Rolle Deutschlands vor 1914, vom Tisch katapultiert haben würde. So ist diese Besprechung von G.A. Craig zu verstehen, die Fritz Fischer als "unfreundlich" empfand, da diese meinem Erstlingsbuch in gewissem Sinne in der englischsprachigen Wissenschaft eigentlich "die Luft nahm". Ob nun die Suche nach einer Erklärung für den retardierten Standard der deutschen Armee von 1914, "in Führung und Gefecht", durch den Rückbezug auf eine "Bürgerkriegsfunktion" der Kaiserreichsarmee schlüssig zu erklären ist, mag ich heute nicht mehr durchkämpfen. Jedenfalls ist ein derartiges Erklärungsmuster nicht nur deswegen außer Acht zu lassen, weil derartige Gedanken in der DDR-Militärgeschichtsschreibung vertreten wurden.

Bernd F. Schulte

 

DOKUMENT

BERND F. SCHULTE. Die deutsche Armee, 1900-1914: Zwischen Beharren und Verändern. Düsseldorf: Droste Verlag. 1977. Pp. xxxxv, 591. DM 68.

Despite the extensive literature on the causes of the German defeat in the First World War, little has been written about the actual quality of the German army. Historians have, to be sure, concerned themselves with the size of the force that was mobilized in 1914 and its relation to the strategic plan devised by the General Staff, and it has been suggested that the strength of the army was affected by the high naval expenditures before the war, as well as by the War Ministry's reluctance to push for expansion, because of the deleterious effects it would have on the social cohesiveness and political reliability of the officer corps. But less attention has been paid to the education and training, tactical doctrine, and technical efficiency of German troops as they took the field. Bernd F. Schulte's book, which is based on very extensive research in military collections in Munich, Stuttgart, and Freiburg, as well as the archives in Koblenz, Karlsruhe, and Buckeburg, is an ambitous attempt to correct this deficiency.

Schulte's general point is that until the very eve of the war the German army was, as the English critic Repington wrote in the Times in 1911, "living on a glorious past." Its training programs were traditional and formalistic, reflecting little awareness of the way in which the art of war had changed since 1870 and emphasizing discipline and drill and school exercizes that were often grotesque in their remoteness from reality. Its tactical doctrines were uninfluenced either by the cogent criticisms of foreign observers, which Schulte analyses at some length, or by the lessons of contemporary wars like those in South Africa, the Far East, and the Balkans, which German soldiers, as the author points out, largely misread. They were characterized as a result by an underestimation of modern firepower, a scorn of terrain appreciation and camouflage, and a persistence in outworn forms of offensive thought, like shock tactics, the deployment of artillery in open formation, and the use of massed, instead of dispersed, infantry attack. Finally, it showed great reluctance to accept technical innovations, and was very slow to adopt the machine gun, to begin to develop an air force, and to acquire experience in the use of combined arms.

Schulte is very good at describing all this but less so in explaining the reasons for it. Because his book lacks a comparative dimension, and because he has not apparently read C. E. Montague's Disenchantment of other works of that kind, he fails to see the obvious reason, which is, as World War I demonstrated, that all army commands in the pre-war years were conservative and opposed to innovation and failed to prepare properly for the war was coming. That kind of explanation is not good enough for, Schulte, who blames the shortcomings of the German army on its preoccupation with the threat of domestic revolution and the necessity of being prepared to deal with a civil war. This is the kind of argument that fits current fashion, but unfortunately, although he tries valiantly,' Schulte never succeeds in showing exactly how concern over the possibility of a general strike in Hamburg determined the tactical doctrines and forms of the field army.

GORDON A. CRAIG
Stanford University

American Historical Review (Ballantine Hall, Indiana University, Bloomington, In. 47401), October 1978, p.1044.

 

 

Dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Claus Donate, In der kaiserlichen Arme nichts Neues, in: Bücherkommentare, 11/12 1978.

 

 

Truppendienst, Zeitschrift für Ausbildung im [Schweizer] Bundesheer, Heft 1/1979 von Brigadier Adolf Gaspari

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Zeitschrift für Militärgeschichte, Mil.Inst. d.NVA d. DDR

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Überlegen im Dünkel - Unfähig zum Wandel, dpa, Deutsche Presseagentur GmbH, Mittelweg 38, 2000 Hamburg 13, Kulturredaktion von Helmut Jäger

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Bernd-Felix Schulte: Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen Beharren und Verändern, Düsseldorf (Droste) 1977, XXXXV, 591 S.

Die Geschichtsschreibung über das wilhelminische Deutschland weist noch einige entscheidende Lücken auf, die ausgefüllt werden müßten, bevor eine Neuinterpretation dieser Epoche sinnvoll ist. Ein Bereich, der bisher weitgehend ausgeklammert geblieben ist, umfaßt die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle des Machtfaktors Armee im Kaiserreich, die Auseinandersetzungen innerhalb der Armee zwischen Traditionalisten und Reformern sowie das Militarismusproblem innerhalb der wilhelminischen Gesellschaft. Zwar haben die auf das Primat des Politischen fixierten Historiker Reichsleitung, Parteien und Interessengruppen eingehend analysiert und interpretiert, aber die Armee ist trotz ihrer zentralen Rolle und ihrer Glorifizierung durch die Einigungskriege nicht in genügendem Maße Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen gewesen. Der Grund für diese Einseitigkeit ist jedoch weniger der Faszination des Politischen als vielmehr der Quellenlage zuzuschreiben, denn das preußische Heeresarchiv ist mit dem größten Teil seiner Bestände im Frühjahr 1945, möglicherweise sogar auf deutschen Befehl, vernichtet worden.

Trotz dieser Quellenlage haben sich verschiedene Historiker, darunter Gordon Craig, Karl Demeter, Michael Howard, Martin Kitchen, Manfred Messerschmidt und Gerhard Ritter, der Armee im Kaiserreich zugewandt und ihre politische und strategische Bedeutung beleuchtet. Einer der ersten Historiker, der es mit Hilfe der ehemaligen bayerischen, sächsischen und württembergischen Kriegsarchivbestände sowie des Materials in Freiburg, Koblenz und in Privathand unternommen hat, eine breitangelegte Studie über die Armee selbst anzufertigen, ist Bernd-Felix- Schulte. Er untersucht das Selbstverständnis, den wachsenden Glauben an die eigene Unüberwindlichkeit, die Starrheit in der Ausbildung, die Reaktion auf die ausländische Kritik und schließlich die Prioritäten einer Armee, die sich trotz aller Widerstände von einer Art »Kaderarmee« zu einer Massenarmee entwickelte. Neu ist dabei die Methode, das Wechselspiel zwischen ausländischer Kritik in Presse und Militärzeitschriften und deutscher Reaktion darauf zum roten Faden der Studie zu machen.

In den ersten beiden Kapiteln behandelt Schulte ausführlich die ausländische Einschätzung der deutschen Armee zwischen 1903 und 1914, vor allen Dingen die Berichte von Colonel Repington, und geht dann dazu über, die Heeresvermehrungen von 1905 bis 1913 im Licht der zeitgenössischen Literatur im In- und Ausland zu erörtern. Die Bewertung der deutschen Ausbildung, das Schwanken zwischen Verbesserung der Qualität und Vergrößerung der Quantität sowie die taktische Entwicklung der einzelnen Waffengattungen bilden das Thema der nächsten beiden Kapitel. Dabei zeigt Schulte, wie sich die ausländische Kritik an die Exerzier-Reglements hält und wie die innermilitärische Diskussion diese Kritik bei der Ausarbeitung neuer Vorschriften aufnimmt oder verwirft. Der Autor stellt über-zeugend dar, daß sich die deutsche Armee zwischen 1905 und 1911 in einer Stagnationsphase befand, aus der sie sich nur langsam in den letzten drei Jahren vor dem Krieg zu lösen vermochte. Im Ausland wurde die zögernd einsetzende Modernisierung sofort erkannt, aber zugleich wurden auch Zweifel am Entwicklungspotential des deutschen taktischen Denkens sowie an der Aufgabe der einseitigen Ausrichtung auf die Offensive laut. Im zweiten Teil seines Buches wendet sich Schulte der fachlichen Auseinandersetzung in Armeekreisen über zeitgenössische Kriege zu und bezieht dabei die ausländische Reaktion mit ein, soweit diese in der Öffentlichkeit erfolgte. Die geringe Lernbereitschaft der Armee benutzt er dann dazu, im dritten Teil »die These einer zu großen Teilen innengeleiteten deutschen Taktik« zu entwickeln, die die Bürgerkriegsfunktion der Armee unterstreichen soll. Schulte bringt sogar die Erwartung eines kurzen Krieges mit der Streik- und Unruhebekämpfung im Innern in Zusammenhang. Sicherlich ist es richtig, daß die Armeeführung die Gefahren eines langen Krieges für die innenpolitische Stabilität durchaus realistisch einzuschätzen versuchte, aber es schienen doch auch noch andere Gründe für einen kurzen Krieg zu sprechen, wie z. B. die Finanzierungsfrage und die Rohmaterialabhängigkeit. Die Erwartung eines kurzen Krieges mag auch die Abneigung gegen technische Neuerungen verstärkt haben, deren Bedeutung für den kommenden Krieg im Kriegsministerium und Generalstab weitgehend unterschätzt worden ist. Hinzu kommt, daß Bürgerkriegsaufgaben ohne großen technischen Aufwand bewältigt werden konnten. Schulte geht noch einen Schritt weiter und weist nach, aus welchen Gründen der technische Anpassungsprozeß erst 1911/12 einsetzte und warum die Änderungen eine gewisse Zeit brauchten, bis sie von der Truppe übernommen wurden. Wichtig sind dabei die Zuspitzung der allgemeinen internationalen Lage sowie die Kriegsabsichten auf deutscher Seite.

Anschließend analysiert Schulte ausführlich die Taktik der Waffengattungen und ihre Weiterentwicklung. Das starre Festhalten an traditionellen und überholten Ausbildungsformen fällt auf ein Offizierkorps zurück, das den nächsten Krieg am liebsten auf dem Exerzierplatz durchgekämpft hätte. Veränderungen an den oft auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Formen wurden nur langsam eingeführt und oft nur gegen Widerstände der Heeresverwaltung oder des Truppenoffizierkorps. Das trifft vor allen Dingen auf die Kavallerie zu, aber auch die Infanterie tat sich schwer. Nur bei der Artillerie änderte sich die Taktik etwas zugiger.

Am Schluß der Studie hat der Leser ein ziemlich realistisches Bild von der deutschen Armee gewonnen. Die Eigenpropaganda von der besten Armee der Welt entpuppt sich als hohle Phrase. Und selbst wenn diese Armee besser gewesen ist als die anderen, so sind die Unterschiede so minimal, daß sie auf keinen Fall eine realistische Grundlage für den nahezu unerschütterlichen Glauben an einen siegreichen Krieg bilden konnten. Schultes Methode, die Kritik des Auslandes mit den aus den deutschen Quellen erarbeiteten Reaktionen und Initiativen zu vergleichen, macht deutlich, daß Veränderungen im Hinblick auf eine moderne Kriegführung zwar erkannt, aber im entscheidenden Augenblick entweder verhindert oder verzögert wurden. Die Gründe dafür sind einseitige Rekrutierungs- und Beförderungsmethoden, die mangelnde Bereitschaft, aus den Fehlern der siegreichen Einigungskriege zu lernen, Dünkel und Überheblichkeit sowie ein allgemeiner Konservatismus, der sich auch im politischen Bereich der Armee sehr stark bemerkbar machte.

Jedoch ist die konservative Grundrichtung der Armee nicht auf Deutschland beschränkt gewesen. Weder in Rußland noch in England oder Frankreich haben sich die Einsichten in die Erfordernisse des modernen technischen Krieges vor 1914 durchgesetzt. Selten sind Erfahrungen aus zeitgenössischen Kriegen in Veränderungen umgemünzt worden. Möglicherweise ist man dem deutschen Beispiel einfach gefolgt, aber die Abneigung gegen technisch bedingte Neuerungen war allgemein. Gerade für England und Rußland lassen sich zahlreiche Beispiele anführen. Auch politisch standen die Armeen auf konservativer Seite. So wurden englische und französische Truppen zur Streikbekämpfung herangezogen, waren beide Armeen auf Bürgerkriegsaktionen vorbereitet und bekämpfte schließlich die russische Armee 1905 tatsächlich die Revolution. Das soll nicht heißen, daß es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Armeen gegeben hätte, aber für die europäischen Armeen am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts kann allgemein festgehalten werden, daß sie in taktischer und politischer Hinsicht als epaulettenbehindert und konservativ anzusehen sind. Ein Grund für diese Lage war, daß zumindest die statusbedingten Offizierstellen weitgehend Reservate für großbürgerliche und adelige Söhne waren. Ein weiterer Grund mag der Rausch der großen Zahl gewesen sein. Die neue Möglichkeit, Millionenheere führen zu können, stärkte den Glauben, daß die Zahl allein, d. h. eine fest gefügte und straff geführte Menschenmasse, den Erfolg verbürge. In Deutschland erfuhr dann der überkommene Glaube an das Erfolgsrezept der unbedingten Offensive seine höchste Steigerung.

Der zweite Einwand betrifft den von Schulte aufgestellten taktischen Nexus zwischen Offensivdenken und Bürgerkriegsbekämpfung. Es ist das Verdienst Schultes, die militärische Seite der wilhelminischen Innenpolitik unter Hinweis auf die Bürgerkriegstaktik herausgearbeitet zu haben. Dabei geht er noch einen Schritt weiter und führt das starre Festhalten an der Offensive á outrance auf eine, wie er es nennt, vordringlich innengeleitete Taktik zurück. Sicherlich ist es richtig, den Mangel an Flexibilität und die Abneigung gegen technisch bedingte Neuerungen mit dem Festhalten an bewährten Bürgerkriegstaktiken in Verbindung zu bringen, jedoch scheinen mir beide taktischen Bedingungen nicht gleichwertig zu sein. Zwar nahmen die Überlegungen zur Unruhebekämpfung in Friedenszeiten einen breiteren Raum ein, aber die Armee sah ihre Hauptaufgabe doch im Krieg nach außen. Da es sich keine Armee leisten kann, wie Schulte richtig beobachtet, »zwei gegensätzliche Ausbildungen zu besitzen«, hat man den absoluten Glauben an die Offensive und den Stoß auch auf die Aufstandsbekämpfung angewandt. Dieses Konzept hatte sich nicht nur im Deutschland der Revolution von 1848/49, sondern gerade auch in Frankreich, Rußland und sogar in England bewährt. Die Priorität der Taktik galt also umgekehrt der Offensive á outrance im Krieg nach außen. Und hier zeigt Schulte, wie gerade der Zusammenhalt zwischen militärischer und politischer Leitung die Außenpolitik in den letzten drei Jahren vor dem Krieg geprägt hat.

Beide Einwände ändern jedoch nichts an der Qualität dieser ausgezeichneten Studie. Sie ist in vieler Hinsicht beispielhaft für eine vielschichtige Analyse, die in der Militärgeschichte Schule machen wird. Außerdem haben wir es mit einem Militärhistoriker zu tun, von dem wir auch weiterhin wichtige Studien erwarten dürfen.

Hartmut Pogge v. Strandmann, MGM 1982

 

 

Ein etwas "kautziger" Zwischenruf.

Werner Hahlweg, auf dem einzigen Lehrstuhl für Militärgeschichte in Deutschland, als Clausewitzspezialist mit der 16. Aufl. des "Vom Kriege" "ff." immer wieder hervorgetreten, unternahm es 1982 auf meinen in der "Europäischen Wehrkunde" (Streitkräfte im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die deutsche Armee 1900 bis 1914, Nr. 5, 32. Jg., Mai 1983, S. 239-245)" nur zur Hälfte abgedruckten Aufsatz zur Kaiserreichsarmee, schon vorbereitend (Wehrwissenschaftliche Rundschau, 6/82, S. 203f.) zu "antworten".

Der Riss lief nämlich damals mitten durch die Redaktion der äußerst konservativen Militärzeitschrift. Das war nicht verwunderlich, denn diese ersetzte die bekannte "Wehrwissenschaftliche Rundschau" des Kalten Krieges. Dass die Vertreter der Clauswitz-Gesellschaft über die Ankündigung nicht erfreut waren, mein Aufsatz werde nach den taktischen, technischen und strukturellen Schwächen der deutschen Armee von 1914 auch noch deren "Bürgerkriegsfunktion" als Haupthindernis für Modernität herausstellen, genügte dem Herausgeber Herrn Ewald Heinrich von Kleist, dem Chefredakteur, Generalleutnant a.D. Carl-Gero von Ilsemann, die Freundschaft zu kündigen. Dieser sagte mir damals, das sei ihm alles zu ärgerlich und er werde den Posten des (ehrenamtlichen) Chefredaktors aufgeben.

Die Urängste dieser Hahlwegschen Generation von deutschen Historikern, vor dem Thema Erster Weltkrieg, ist mit Händen zu greifen und es stimmt schon nachdenklich, wenn diese Haltung offensichtlich derart tief in die Bundeswehr hineinwirkte. So kann das Heute der Anschauungen in der deutschen Armee der Gegenwart nur aus dem Gestern der 50iger bis 80iger/90iger Jahre verstanden werden. Und dann wird Vieles klar...

Bernd F. Schulte

 

DOKUMENT

Bernd F. Schulte: Die deutsche Armee 1900 bis 1914 - Zwischen Beharren und Verändern. 591 Seiten, Droste Verlag, Düsseldorf  1978, 68,- DM.

In seinen Erinnerungen vermerkt Eduard Benesch seine Eindrücke von der deutschen Armee in Berlin 1913 - im Sinne eines beim Betrachter Beklommenheit auslösenden Kriegs-Präzisionsinstrumentes. Die Qualität der deutschen Armee von 1914 erkennt auch der französische Militärschriftsteller Buat an, während zahlreiche Äußerungen in Deutschland namentlich nach 1918 eben diese Armee als die beste ihrer Zeit preisen. Hier mag sich freilich die Frage erheben, ob die wiederholte, im Grunde unreflektierte Lobpreisung der deutschen Armee von 1914 einer sachlich-kritischen Prüfung im Lichte ihrer inneren Strukturen, ihres Ausbildungssystems, ihrer Organisation, Bewaffnung und Ausrüstung, ihrer Kampfesweise, Strategie, Führungspraxis und Militärtheorie (z.B. Clausewitz-Verständnis) und schließlich des Krieges 1914 bis 1918 standhält-wobei gleichzeitig Politik, Gesellschaft, Ökonomie und allgemeine Technologie zu berücksichtigen wären.

Der Verfasser der vorliegenden Studie macht den Versuch, diesen Fragen auf umfassender, auch dokumentarischer Grundlage (Heranziehung von Akten des Bayer. Kriegsarchivs, des Bundesarchivs Koblenz, des Bundesarchivs/Militärarchivs Freiburg i.Br., des Generallandesarchivs Karlsruhe, des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, des Landeshauptarchivs Dresden, des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes, Bonn, des Staatsarchivs Bückeburg; private Nachlässe) in kritischer Hinterfragung nachzugehen, wobei er die Komplexität des Themas in drei Hauptteilen (I. Die Kritik des westeuropäischen Auslandes an der deutschen Armee zwischen 1900 und 1914: l. Die deutsche Armee aus der Sicht Repingtons, 2. Einschätzung der deutschen Armee zwischen 1903 und 1914, 3. Die deutschen Heeresvermehrungen 1905 bis 1913 - Die Vorbereitung auf den Krieg »á outrance«, 4. Kritik an den deutschen Waffengattungen zwischen 1900 und 1914, 5. Die deutsche »unite de doctrine«; II. Auswertung zeitgenössischer Kriege; 6. Auswertung des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71, 7. Die China-Expedition, 8. Wirkungen des Burenkrieges, 9. Die Auswertung des Aufstandes in Deutsch-Südwest, 10. Die verpaßte Wende - Die Auswertung des Russisch-Japanischen Krieges, 11. Der Balkankrieg aus deutscher Sicht - Traditionelle Analyse; III. Die Entwicklung der deutschen Armee [1900 bis 1914] unter besonderer Berücksichtigung der in ihr geführten Diskussion: 12. Die Problematik des Bürgerkriegseinsatzes der Armee, 13. Die Armee in Vorbereitung auf den kurzen Krieg, 14. Geringe Evolutionsfähigkeit angesichts der technischen Revolution, 15. Die Taktik der Waffengattungen, 16. Die Bürgerkriegstaktik der deutschen Armee) in einem breit angelegten Spektrum behandelt. Ein solches Vorgehen besitzt angesichts der Schwierigkeiten, ein solches Thema sachgerecht, ausgewogen zu bewältigen, seine Berechtigung; eine Fülle von Material wird ausgebreitet, das zumindest geeignet ist, dem Leser Informationsgrundlagen über einen Bereich zu verschaffen, welcher seitens der Forschung bisher nicht hinreichende Beachtung erfuhr.

Zu den Hauptergebnissen des Verfassers gehört u.a. die Feststellung, die objektiven Schwächen der deutschen Armee resultierten aus »den mit dem innenpolitisch bestimmten Rahmen gesetzten Grenzen«, welche »eine zeitgemäße Entwicklung der Armee verhinderten. Gefangen zwischen innenpolitischen Funktionen und Tradition einerseits und den Anforderungen des modernen Krieges andererseits, blieb sie in einem durch innenpolitische Rücksichten dominierten Stadium ihrer Entwicklung blockiert.« Die deutsche Armee habe sich nur »begrenzt an die Erfordernisse des 20. Jahrhunderts angepaßt, auch nicht den Anforderungen der modernen Technik genügend Rechnung getragen; am Ende sei sie in der Überlieferung des 19. Jahrhunderts stehengeblieben. Der Verfasser spricht von einer geringen »Evolutionsfähigkeit der deutschen Ausbildungspraxis, die zwischen überkommener Taktik und den Bedingungen moderner Waffenwirkung einerseits sowie dem Zwang zu zahlenmäßiger Vergrößerung und der die Quantität begrenzenden inneren Funktion des »Corps Royale« andererseits zu unzulänglichen Prognosen für den Zukunftskrieg vordrang«.

Das Bild, welches der Verfasser von der deutschen Armee 1900 bis 1914 entwirft, ist am Ende ein negatives; nur stellt sich die Problematik, wieweit es überhaupt möglich ist, das Ganze in seiner Vielheit und wechselseitigen Verknüpfung der verschiedensten Komponenten von der Sache her überzeugend im Kern zu begreifen und in einer Darstellung sichtbar zu machen. Einmal wäre zu betonen, daß allgemein - und nicht zuletzt auch in den westeuropäischen Staaten - die Armeen und ihre Kommandanten im Zeitraum von etwa 1900-1914 und 1914-18 praktisch die Zeichen der Zeit kaum begriffen hätten; in der Geschichte des Militärwesens stellt sich die Epoche von 1900 bis 1914 und 1914/18 (man könnte freilich bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts zurückgehen) als eine der sterilsten im Hinblick auf die wahre Erkenntnis der sich anbietenden Strukturen dar. Leistete die Politik mehr oder weniger aller kriegführenden Staaten in den Jahren vor 1914 und erst recht 1914/18/20 praktisch einen Offenbarungseid im Hinblick auf Moral und Staatskunst, so mutet das Verhalten der Armeen vor und nach 1914 (d.h. namentlich 1914/18) als eine Bankrotterklärung an: geistig, im Hinblick auf das Kriegsbild, die Art des Führens (oder der Verwendung) der Massenheere und das Verhältnis zu Technik und Ökonomie, die Einschätzung zugleich der Relationen von Politik und Strategie, bewaffnetem Kampf und Gesellschaft.

Das Geschehen des Ersten Weltkrieges ist eine einzige Kette von Unzulänglichkeiten und Fehlschlägen der bewaffneten Macht aller Kriegsteilnehmer, soweit europäische Staaten betroffen waren. Will man also die deutsche Armee im Zeitraum 1900 bis 1914 kritisch, von der Sache her, beleuchten, so muß der Rahmen größer gewählt werden, im Sinne vergleichender Militärgeschichte; im Grunde sind die negativen Wesenszüge bei allen Armeen jener Epoche die gleichen. Zum andern stellt sich bei der Bearbeitung eines solchen Themas die Aufgabe, spezifische Fachkenntnisse vertieft zu erwerben und in diesem Sinne die militärwissenschaftliche Forschungsbasis als Erkenntnismittel (zur Einschätzung der deutschen Armee von 1900 bis 1914 aus ihrem besonderen Wirkungs- und Entwicklungsbereich heraus) merkbar zu erweitern. Militärgeschichte und Militärwissenschaften vermögen hierbei wertvolle, sachlich weiterführende Dienste zu leisten.

In diesem Sinne wäre auch die Bibliographie zu ergänzen; aus der Fülle der notwendigen Fachliteratur seien etwa genannt: Liman, Pollmann, Freytag-Loringhoven (Die Führung in den neuesten Kriegen - Operatives und Taktisches), die »Kriegstechnische Zeitschrift« oder die letzte Auflage von Fritsch (Der Festungskrieg, 2. Aufl. 1909), Lehnert, v. Löbells Jahresberichte, Baick usw. Alles in allem: Die Studie des Verfassers erscheint bei allem Bemühen unzulänglich in spezifisch sachlicher Sicht. Sie macht zugleich zu ihrem Teil sichtbar, ein wie weites Feld es hier noch für die Militärgeschichte und die Militärwissenschaften in materieller Erforschung und sachdienlicher Interpretation des Gegenstandes zu erschließen gilt.

Die eigentliche Bearbeitung und Einschätzung des Ganzen steht also erst noch bevor, d.h. mit Stückwerk ist der Sache kaum gedient.

Werner Hahlweg