Werbetext des Droste Verlages
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Montag, 3. April 1978, Nr. 65, S. 11.
Das Urteil eines "Kommißkopps". Als Gordon A. Craig 1978 mein Buch zur deutschen Armee des Kaiserreichs rezensierte, herrschte gerade in der Geschichtswissenschaft die Lehre vom Primat der Innenpolitik. Eine Schiene wissenschaftlicher Interpretation, die heute durch die weltpolitischen Veränderungen längst überwunden ist. Das schrieb ich bereits 1983, als der NATO-Doppelbeschluss, zur Stationierung der Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa, ankündigte, dass die "Kalmenzone der Weltgeschichte" - wie das Willy Brandt fälschlicherweise 1972 in Stockholm sagte - längst durchschritten war und die Nachkriegs- in eine Vorkriegszeit überging. Aber auch diese damals neue Richtung der Wissenschaft ging offensichtlich dem Reserveoffizier Craig nicht ins Ohr, denn dieser gerierte sich eher militärfromm und hatte, politisch motiviert, 1955 die Wiederaufrüstung Deutschlands mit der Bundeswehr durch eine Gesamtdarstellung der "Preußisch-Deutschen Armee" zwischen 1645 und 1945 zu unterstützt. War da doch die erst heute durchschaute, grob verharmlosende Theorie von den deutschen Streitkräften als "Staat im Staate" hervorgeholt, und dem an sich 1955 politisch nicht durchsetzbaren Versuch der "Wiederbewaffnung" des Kriegschuldigen, Deutschland, quasi aufgeklebt worden. Selbst der nationalkonservative - und Streiter für die Neubewaffnung (der Monat) - Gerhard Ritter, der jüngst einer umfassenden Biographie für würdig gefunden wurde, erscheint in dessen Biographie Friedrich II. von Preußen (2.A. 1958), wie dem ersten Band des Monumentalwerkes "Staatskunst und Kriegshandwerk" (1959), differenzierter als der demgegenüber eher oberflächlich anmutende Craig. So gehörte Craig stets zu der extrem konservativen Schiene, vornehmlich der deutschen Geschichtswissenschaft, die Ende der 70iger Jahre, angesichts zunehmender Kritik am deutschen Kaiserreich, den methodischen "Kniff" der vergleichenden Methode ins Gefecht warf, die zugleich - in aller Breite durchgeführt - Basisquellenarbeit verunmöglichte; und damit zugleich das offensichtlich ungeliebte Thema, kritischer Sichten zur Rolle Deutschlands vor 1914, vom Tisch katapultiert haben würde. So ist diese Besprechung von G.A. Craig zu verstehen, die Fritz Fischer als "unfreundlich" empfand, da diese meinem Erstlingsbuch in gewissem Sinne in der englischsprachigen Wissenschaft eigentlich "die Luft nahm". Ob nun die Suche nach einer Erklärung für den retardierten Standard der deutschen Armee von 1914, "in Führung und Gefecht", durch den Rückbezug auf eine "Bürgerkriegsfunktion" der Kaiserreichsarmee schlüssig zu erklären ist, mag ich heute nicht mehr durchkämpfen. Jedenfalls ist ein derartiges Erklärungsmuster nicht nur deswegen außer Acht zu lassen, weil derartige Gedanken in der DDR-Militärgeschichtsschreibung vertreten wurden. Bernd F. Schulte
Dass nicht sein kann, was nicht sein darf.
Truppendienst, Zeitschrift für Ausbildung im [Schweizer] Bundesheer, Heft 1/1979 von Brigadier Adolf Gaspari
Zeitschrift für Militärgeschichte, Mil.Inst. d.NVA d. DDR
Überlegen im Dünkel - Unfähig zum Wandel, dpa, Deutsche Presseagentur GmbH, Mittelweg 38, 2000 Hamburg 13, Kulturredaktion von Helmut Jäger
Bernd-Felix Schulte: Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen Beharren und Verändern, Düsseldorf (Droste) 1977, XXXXV, 591 S. Die Geschichtsschreibung über das wilhelminische Deutschland weist noch einige entscheidende Lücken auf, die ausgefüllt werden müßten, bevor eine Neuinterpretation dieser Epoche sinnvoll ist. Ein Bereich, der bisher weitgehend ausgeklammert geblieben ist, umfaßt die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle des Machtfaktors Armee im Kaiserreich, die Auseinandersetzungen innerhalb der Armee zwischen Traditionalisten und Reformern sowie das Militarismusproblem innerhalb der wilhelminischen Gesellschaft. Zwar haben die auf das Primat des Politischen fixierten Historiker Reichsleitung, Parteien und Interessengruppen eingehend analysiert und interpretiert, aber die Armee ist trotz ihrer zentralen Rolle und ihrer Glorifizierung durch die Einigungskriege nicht in genügendem Maße Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen gewesen. Der Grund für diese Einseitigkeit ist jedoch weniger der Faszination des Politischen als vielmehr der Quellenlage zuzuschreiben, denn das preußische Heeresarchiv ist mit dem größten Teil seiner Bestände im Frühjahr 1945, möglicherweise sogar auf deutschen Befehl, vernichtet worden. Trotz dieser Quellenlage haben sich verschiedene Historiker, darunter Gordon Craig, Karl Demeter, Michael Howard, Martin Kitchen, Manfred Messerschmidt und Gerhard Ritter, der Armee im Kaiserreich zugewandt und ihre politische und strategische Bedeutung beleuchtet. Einer der ersten Historiker, der es mit Hilfe der ehemaligen bayerischen, sächsischen und württembergischen Kriegsarchivbestände sowie des Materials in Freiburg, Koblenz und in Privathand unternommen hat, eine breitangelegte Studie über die Armee selbst anzufertigen, ist Bernd-Felix- Schulte. Er untersucht das Selbstverständnis, den wachsenden Glauben an die eigene Unüberwindlichkeit, die Starrheit in der Ausbildung, die Reaktion auf die ausländische Kritik und schließlich die Prioritäten einer Armee, die sich trotz aller Widerstände von einer Art »Kaderarmee« zu einer Massenarmee entwickelte. Neu ist dabei die Methode, das Wechselspiel zwischen ausländischer Kritik in Presse und Militärzeitschriften und deutscher Reaktion darauf zum roten Faden der Studie zu machen. In den ersten beiden Kapiteln behandelt Schulte ausführlich die ausländische Einschätzung der deutschen Armee zwischen 1903 und 1914, vor allen Dingen die Berichte von Colonel Repington, und geht dann dazu über, die Heeresvermehrungen von 1905 bis 1913 im Licht der zeitgenössischen Literatur im In- und Ausland zu erörtern. Die Bewertung der deutschen Ausbildung, das Schwanken zwischen Verbesserung der Qualität und Vergrößerung der Quantität sowie die taktische Entwicklung der einzelnen Waffengattungen bilden das Thema der nächsten beiden Kapitel. Dabei zeigt Schulte, wie sich die ausländische Kritik an die Exerzier-Reglements hält und wie die innermilitärische Diskussion diese Kritik bei der Ausarbeitung neuer Vorschriften aufnimmt oder verwirft. Der Autor stellt über-zeugend dar, daß sich die deutsche Armee zwischen 1905 und 1911 in einer Stagnationsphase befand, aus der sie sich nur langsam in den letzten drei Jahren vor dem Krieg zu lösen vermochte. Im Ausland wurde die zögernd einsetzende Modernisierung sofort erkannt, aber zugleich wurden auch Zweifel am Entwicklungspotential des deutschen taktischen Denkens sowie an der Aufgabe der einseitigen Ausrichtung auf die Offensive laut. Im zweiten Teil seines Buches wendet sich Schulte der fachlichen Auseinandersetzung in Armeekreisen über zeitgenössische Kriege zu und bezieht dabei die ausländische Reaktion mit ein, soweit diese in der Öffentlichkeit erfolgte. Die geringe Lernbereitschaft der Armee benutzt er dann dazu, im dritten Teil »die These einer zu großen Teilen innengeleiteten deutschen Taktik« zu entwickeln, die die Bürgerkriegsfunktion der Armee unterstreichen soll. Schulte bringt sogar die Erwartung eines kurzen Krieges mit der Streik- und Unruhebekämpfung im Innern in Zusammenhang. Sicherlich ist es richtig, daß die Armeeführung die Gefahren eines langen Krieges für die innenpolitische Stabilität durchaus realistisch einzuschätzen versuchte, aber es schienen doch auch noch andere Gründe für einen kurzen Krieg zu sprechen, wie z. B. die Finanzierungsfrage und die Rohmaterialabhängigkeit. Die Erwartung eines kurzen Krieges mag auch die Abneigung gegen technische Neuerungen verstärkt haben, deren Bedeutung für den kommenden Krieg im Kriegsministerium und Generalstab weitgehend unterschätzt worden ist. Hinzu kommt, daß Bürgerkriegsaufgaben ohne großen technischen Aufwand bewältigt werden konnten. Schulte geht noch einen Schritt weiter und weist nach, aus welchen Gründen der technische Anpassungsprozeß erst 1911/12 einsetzte und warum die Änderungen eine gewisse Zeit brauchten, bis sie von der Truppe übernommen wurden. Wichtig sind dabei die Zuspitzung der allgemeinen internationalen Lage sowie die Kriegsabsichten auf deutscher Seite. Anschließend analysiert Schulte ausführlich die Taktik der Waffengattungen und ihre Weiterentwicklung. Das starre Festhalten an traditionellen und überholten Ausbildungsformen fällt auf ein Offizierkorps zurück, das den nächsten Krieg am liebsten auf dem Exerzierplatz durchgekämpft hätte. Veränderungen an den oft auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Formen wurden nur langsam eingeführt und oft nur gegen Widerstände der Heeresverwaltung oder des Truppenoffizierkorps. Das trifft vor allen Dingen auf die Kavallerie zu, aber auch die Infanterie tat sich schwer. Nur bei der Artillerie änderte sich die Taktik etwas zugiger. Am Schluß der Studie hat der Leser ein ziemlich realistisches Bild von der deutschen Armee gewonnen. Die Eigenpropaganda von der besten Armee der Welt entpuppt sich als hohle Phrase. Und selbst wenn diese Armee besser gewesen ist als die anderen, so sind die Unterschiede so minimal, daß sie auf keinen Fall eine realistische Grundlage für den nahezu unerschütterlichen Glauben an einen siegreichen Krieg bilden konnten. Schultes Methode, die Kritik des Auslandes mit den aus den deutschen Quellen erarbeiteten Reaktionen und Initiativen zu vergleichen, macht deutlich, daß Veränderungen im Hinblick auf eine moderne Kriegführung zwar erkannt, aber im entscheidenden Augenblick entweder verhindert oder verzögert wurden. Die Gründe dafür sind einseitige Rekrutierungs- und Beförderungsmethoden, die mangelnde Bereitschaft, aus den Fehlern der siegreichen Einigungskriege zu lernen, Dünkel und Überheblichkeit sowie ein allgemeiner Konservatismus, der sich auch im politischen Bereich der Armee sehr stark bemerkbar machte. Jedoch ist die konservative Grundrichtung der Armee nicht auf Deutschland beschränkt gewesen. Weder in Rußland noch in England oder Frankreich haben sich die Einsichten in die Erfordernisse des modernen technischen Krieges vor 1914 durchgesetzt. Selten sind Erfahrungen aus zeitgenössischen Kriegen in Veränderungen umgemünzt worden. Möglicherweise ist man dem deutschen Beispiel einfach gefolgt, aber die Abneigung gegen technisch bedingte Neuerungen war allgemein. Gerade für England und Rußland lassen sich zahlreiche Beispiele anführen. Auch politisch standen die Armeen auf konservativer Seite. So wurden englische und französische Truppen zur Streikbekämpfung herangezogen, waren beide Armeen auf Bürgerkriegsaktionen vorbereitet und bekämpfte schließlich die russische Armee 1905 tatsächlich die Revolution. Das soll nicht heißen, daß es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Armeen gegeben hätte, aber für die europäischen Armeen am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts kann allgemein festgehalten werden, daß sie in taktischer und politischer Hinsicht als epaulettenbehindert und konservativ anzusehen sind. Ein Grund für diese Lage war, daß zumindest die statusbedingten Offizierstellen weitgehend Reservate für großbürgerliche und adelige Söhne waren. Ein weiterer Grund mag der Rausch der großen Zahl gewesen sein. Die neue Möglichkeit, Millionenheere führen zu können, stärkte den Glauben, daß die Zahl allein, d. h. eine fest gefügte und straff geführte Menschenmasse, den Erfolg verbürge. In Deutschland erfuhr dann der überkommene Glaube an das Erfolgsrezept der unbedingten Offensive seine höchste Steigerung. Der zweite Einwand betrifft den von Schulte aufgestellten taktischen Nexus zwischen Offensivdenken und Bürgerkriegsbekämpfung. Es ist das Verdienst Schultes, die militärische Seite der wilhelminischen Innenpolitik unter Hinweis auf die Bürgerkriegstaktik herausgearbeitet zu haben. Dabei geht er noch einen Schritt weiter und führt das starre Festhalten an der Offensive á outrance auf eine, wie er es nennt, vordringlich innengeleitete Taktik zurück. Sicherlich ist es richtig, den Mangel an Flexibilität und die Abneigung gegen technisch bedingte Neuerungen mit dem Festhalten an bewährten Bürgerkriegstaktiken in Verbindung zu bringen, jedoch scheinen mir beide taktischen Bedingungen nicht gleichwertig zu sein. Zwar nahmen die Überlegungen zur Unruhebekämpfung in Friedenszeiten einen breiteren Raum ein, aber die Armee sah ihre Hauptaufgabe doch im Krieg nach außen. Da es sich keine Armee leisten kann, wie Schulte richtig beobachtet, »zwei gegensätzliche Ausbildungen zu besitzen«, hat man den absoluten Glauben an die Offensive und den Stoß auch auf die Aufstandsbekämpfung angewandt. Dieses Konzept hatte sich nicht nur im Deutschland der Revolution von 1848/49, sondern gerade auch in Frankreich, Rußland und sogar in England bewährt. Die Priorität der Taktik galt also umgekehrt der Offensive á outrance im Krieg nach außen. Und hier zeigt Schulte, wie gerade der Zusammenhalt zwischen militärischer und politischer Leitung die Außenpolitik in den letzten drei Jahren vor dem Krieg geprägt hat. Beide Einwände ändern jedoch nichts an der Qualität dieser ausgezeichneten Studie. Sie ist in vieler Hinsicht beispielhaft für eine vielschichtige Analyse, die in der Militärgeschichte Schule machen wird. Außerdem haben wir es mit einem Militärhistoriker zu tun, von dem wir auch weiterhin wichtige Studien erwarten dürfen. Hartmut Pogge v. Strandmann, MGM 1982
Ein etwas "kautziger" Zwischenruf. Werner Hahlweg, auf dem einzigen Lehrstuhl für Militärgeschichte in Deutschland, als Clausewitzspezialist mit der 16. Aufl. des "Vom Kriege" "ff." immer wieder hervorgetreten, unternahm es 1982 auf meinen in der "Europäischen Wehrkunde" (Streitkräfte im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Die deutsche Armee 1900 bis 1914, Nr. 5, 32. Jg., Mai 1983, S. 239-245)" nur zur Hälfte abgedruckten Aufsatz zur Kaiserreichsarmee, schon vorbereitend (Wehrwissenschaftliche Rundschau, 6/82, S. 203f.) zu "antworten". Der Riss lief nämlich damals mitten durch die Redaktion der äußerst konservativen Militärzeitschrift. Das war nicht verwunderlich, denn diese ersetzte die bekannte "Wehrwissenschaftliche Rundschau" des Kalten Krieges. Dass die Vertreter der Clauswitz-Gesellschaft über die Ankündigung nicht erfreut waren, mein Aufsatz werde nach den taktischen, technischen und strukturellen Schwächen der deutschen Armee von 1914 auch noch deren "Bürgerkriegsfunktion" als Haupthindernis für Modernität herausstellen, genügte dem Herausgeber Herrn Ewald Heinrich von Kleist, dem Chefredakteur, Generalleutnant a.D. Carl-Gero von Ilsemann, die Freundschaft zu kündigen. Dieser sagte mir damals, das sei ihm alles zu ärgerlich und er werde den Posten des (ehrenamtlichen) Chefredaktors aufgeben. Die Urängste dieser Hahlwegschen Generation von deutschen Historikern, vor dem Thema Erster Weltkrieg, ist mit Händen zu greifen und es stimmt schon nachdenklich, wenn diese Haltung offensichtlich derart tief in die Bundeswehr hineinwirkte. So kann das Heute der Anschauungen in der deutschen Armee der Gegenwart nur aus dem Gestern der 50iger bis 80iger/90iger Jahre verstanden werden. Und dann wird Vieles klar... Bernd F. Schulte
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