Vor 95 Jahren: Die Welt im Krieg

Der Erste Weltkrieg. Menschen verloren ihr Leben, ihre Angehörigen, ihre Heimat. Eine Lawine, die ‑ losgetreten ‑ unaufhaltsam durch Europa und schließlich die Welt rollte und, im Grunde bis heute, für Leid, Armut und Trauer sorgte. Doch wie konnte es dazu kommen? Bernd F. Schulte analysiert in:
 
„Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871‑1914“
 
Hintergründe und Entwicklungen, die zu diesem tiefsten Einschnitt der neueren Geschichte´führten, und vermittelt neue Erkenntnisse zu Ablauf wie auslösenden Ereignissen.
 
November/Dezember 1912: dunkle Wolken ziehen über dem Balkan auf. Es werden in Springe und Berlin Krisenkonferenzen zur politischen Lage Europas abgehalten. Es geht um Krieg oder Nichtkrieg. Politiker und Militärs ringen miteinander und schließlich sind sich Reichskanzler und Generalstabschef einig. Im Jagdschloß von Springe wird die Parole ausgegeben: Krieg bei nächster Gelegenheit. Die größte Heeresverstärkung im Kaiserreich ist beschlossene Sache. Der große Krieg steht unmittelbar bevor.
 
Am 28. Juli 1914 erklärt Österreich Serbien den Krieg und damit befinden sich Deutschland auf österreichischer Seite und Russland auf serbischer Seite im Kriegszustand. Es folgen die deutsche Kriegserklärung an Frankreich und die Englands an das Deutsche Reich. Damit befindet sich am 3. August Europa im Krieg.

Als dafür verursachend anzusehen sind die diplomatisch‑politischen, sozialgeschichtlichen und vor allem die engen militär‑ und rüstungspolitischen Interdependenzen innerhalb der deutschen Führungselite vor 1914.
 
Das Forschungsproblem rund um die Frage nach der Kriegsschuld von 1914 – und wie diese auf die beteiligten Mächte zu verteilen ist – steht auch noch 95 Jahre danach im Focus des allgemeinen Interesses. Die brisante politische und strategische Situation von damals gewinnt immer wieder neue Aktualität; auch über den Rahmen rein wissenschaftlicher Diskussion hinaus. Schulte zeigt überdies, wie die gravierenden strukturellen Defekte im Staatsaufbau des Deutschen Reichs, und darüber hinaus in dessen Armee, schließlich zur Niederlage, und damit dem Verlust der seit 1871 gewonnenen Position als europäischer, halbhegemonialer Macht führten.
 
Im August 2014 wird sich der Ausbruch des ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal jähren. Alles deutet darauf hin, dass sich wissenschaftliche Kontroverse und Gedenkfeiern hart im Raume stoßen werden. Um so mehr ist es unverzichtbar, die Beschäftigung mit dem historischen Phänomen „Erster Weltkrieg“ weiter zu kultivieren, denn dessen politische Lehren sind bis heute noch nicht gezogen.

Im Rahmen der Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen hat  Bernd F. Schulte darüber hinaus einen Aufsatzband verfasst, der einen detaillierten Bogen über 25 Jahre Weltkriegsforschung spannt. Der etablierte Historiker, Publizist, Film‑ und Fernsehproduzent hat als Dozent an Hamburger Hochschulen unter anderem wichtige Beiträge zur deutschen Militärgeschichte, diplomatisch‑politischen Entwicklung auf dem Balkan, zur Wissenschaftsgeschichte der 50er und 60er Jahre sowie zu den deutsch‑deutschen Beziehungen zwischen 1970 und 1990 geleistet. Dieser Band leistet, mit dem Annex zum "informellen Regierungssystem im Kaiserreich", und dem Institut der Krisenkonferenzen - einen weiterführenden Beitrag zur ungebrochen andauernden Fischer-Kontroverse der Wissenschaft.
 
Bernd F. Schulte: Deutsche Policy of Pretention: Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871‑1914. Hamburger Studien zu   Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe II, Band 1, Norderstedt 2009. 404 S., 22,80 €, ISBN 978‑3‑8370‑2261‑3.




Deutsche Policy of Pretention in Buchjournal






Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871 - 1914

In diesem Sammelband geht es um die Europäische Krise von 1914. Ob die deutsche Geschichtswissenschaft das Jubiläum im Jahre 2014 feiern wird oder nicht, stellen muß sie sich der Kontroverse um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dieser Aufsatzband, der 1983 in erster Auflage erschien, schlägt mit dem Beitrag zur "Policy of Pretention" des deutschen Kaiserreches den Bogen über 25 Jahre Weltkriegforschung.

Dass in diesem Zusammenhang den Krisenkonferenzen im November/Dezember 1912, innerhalb des Entscheidungsprozesses der politischen und militärischen Führungselite des Kaiserreiches, entscheidende Bedeutung in Hinblick aif einen Krieg in absehbarer Frist zukommt, belegten und belegen die hier vorgelegten Quellen. Die deutsche Historiker-Zunft mag es begrüßen oder nicht: es geht um den Kriegsentschluß des Kaiserreiches vor 1914.

Dazu wird das Spektrum des innenpolitischen Kräftespiels im Deutschen Reich, gerade unter dem dezidiert entwickelten Blickwinkel des Sicherheitsaspektes im Innern, angesicht von Staatsstreich-, Anarchismus-, Streik-, Revolutions- und Bürgerkriegsdrohung aus der Sicht der Militärbehörden schärfer konturiert und damit der Weg in den Ersten Weltkrieg ergänzend unter dem Aspekt der Kriegsvorbereitung beleuchtet. Die These der Düsseldorfer Schule, es sei auf Grund der inneren Strukturen des Reiches (informeller Regierungsstil Wilhelms II.), von einer "Polykratie", d. h. der vielfach behaupteten, jede Entscheidung paralysierenden "Zerklüftetheit der Entscheidungsträger" in Berlin auszugehen, diesem Erklärungsversuch im Gefolge Gerhard Ritters, wird hier, mit Blick auf die Institution der "Krisenkonferenzen" im Kaiserreich, der Boden entzogen. Wie dieser Begriff durch Wolfgang Mommsen adaptiert, und damit die Düsseldorfer Argumentation obsolet wurde, ist in dem abschließenden Beitrag zur deutschen "Policy of Pretention" zwischen 1905 und 1914 entwickelt.

Dass das Reich im Kriege nicht den allseits erwarteten militärischen Erfolg erzielte, war u.a. in den tiefliegenden Defekten des deutschen Staatswesens und dessen Streitkräften begründet. Ein in den gesellschaftlichen Strukturen erstarrtes Staatswesen hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Mittelmäßiges Management, veranlasste schließlich Fehlschläge (Marneschlacht) die irreparabel waren. Der Krieg, so wie er politisch und militärisch gedacht war, ging verloren. Ein vierjähriges, verlustreiches und nutzloses Ringen folgte. Alle Beteiligten verloren in der Folge ihre - bis dato - errungenen Positionen als Groß- oder Weltmächte.