Aus der Kontroverse um die Riezler Tagebücher 1983/84
Lübecker Nachrichten, 17.07.1983
Hamburger Morgenpost
Rheinpfalz, Ludwigshafen, 24.3.1984
Hamburger Abendblatt, 21.02.1984
Neue Quellen zur Kontroverse um die Riezler Tagebücher Einblick in die Hintergründe der verfehlten Tagebuch Edition aus dem Nachlass des Botschafters a.D. Kurt Riezler, die der Kieler Historiker K.D.Erdmann 1972 veranstaltete, geben einige Dokumente, die sich in meinem Fundus auf der Suche nach anderem fanden. Hans W. Gatzke/Yale (1) schilderte 1984
Paul Kennedy seine Eindrücke und Informationen, die er im Verlauf der Kriegs- und
Nachkriegsjahre (1939-1955) in den USA vermittelt erhielt.
1. Hans W. Gatzke, Yale University, New Haven, Connecticut 06520, Department of History to P.M.Kennedy, May 18, 1984. Thank you for letting me see the article on the Schulte book. It doesn't say anything we didn't know, of course, but it is more coherent than Fischer's latest ro-ro-ro pamphlet. I hope that the book will be less polemical. To write about this sordid business "more in sorrow than in anger" would be more effective. About the P.S. of Schulte's letter: I have a photostat of a letter which Schlesinger wrote to Erdmann in 1964 (and which Erdmann). never acknowledged), describing Rothfels` efforts to keep Riezler from publishing his diaries. I also have a letter from Schlesinger in 1971 stating that he told Erdmann "dass die Tagebucher nicht im Original erhalten geblieben sind", a fact which Erdmann "bestreitet." I had no personal involvement in all this and my information comes solely from Schlesinger. I did talk to Riezler in the early 1940's about Bethmann, but I was then just a little graduate student and did not know of the existence of the diaries. Riezler painted to me the traditional picture of Bethmann as the "Philosopher of Hohenfinow." The 'villains` in the Kriminalgeschichte ("konkret") surrounding the Riezler diaries, of course, were Rothfels and Erdmann. I never have had any contact with the latter, but knew Rothfels very well. His involvement in the attempted suppression of the Riezler material has never surprised me. His students, after all, referred to him as "Schwarz-Weiss- Rot Fels." I don't know if you want to relay any of these comments to Schulte, but you may feel free to do so, or you can send him a copy of this letter.
2. Bernd F. Schulte (HSBw Hamburg, FB Pädagogik) an P. M. Kennedy (Yale University, Department of History, New Haven Connecticut), 6.6.1984. Herzlichen Dank zunächst für Ihre beiden Zusendungen. Vor allem für die Übersendung des Gatzke-Briefes, der mich offen gesagt elektrisiert hat, danke ich Ihnen sehr. Warum werden Sie aus dem Folgenden verstehen. Nach dem konkret-Artikel, der meine Arbeit mehr en passant mit einbezog, obwohl das Konzept von mir stammte, hat AP eine Reportage zu dem Thema RiezIer-Tagebücher veröffentlicht, die meine Äußerungen für einen Artikel in den Lübecker Nachrichten verbreitete (der jedoch von einem Erdmann-Schüler in der Redaktion der L.N. erst aufgehalten und dann abgewehrt wurde!). Dieser AP-Artikel ist in der deutschen Regional-Presse gebracht worden und hat in Hamburg (Hamburger Abendblatt / "Morgenpost") eingeschlagen. Daraufhin hat das Fernsehen ein Interview mit mir veranstaltet und in einer 10-Minuten-Sendung im ersten Programm NDR-SFB-Radio Bremen ("Nordkette") am 27. April eine breite Öffentlichkeit gegen Erdmann hergestellt. Sie werden wahrscheinlich nicht wissen, daß Erdmann gegen
Janßen im Juli 1983 über die Gräfin Döhnhoff (Rothfels-Freundin) und Herrn Bucerius
erreicht hat, daß Aber en detail. Gegen Herrn Sösemann griff Erdmann zu dem Mittel über den Präsidenten der Universität Göttingen dem Wissenschaftler-Kollegen in ungesicherter Position zu schaden. Und nun nach meinem Fernsehinterview versucht er den gleichen Weg über den Intendanten des NDR "und andere". Er stützt sich dabei auf die Machtposition der CDU in der Struktur der betroffenen Redaktion. Nun erwartet aber Herr Erdmann mein Buch, das angekündigt ist von mir, aber noch zurückgehalten wird, da aus Kiel eine Antwort angekündigt ist und Herr Erdmann in alle Himmelsrichtungen Assistenten jagt, die auf meinen Spuren herausbringen sollen, ob doch noch etwas übrig geblieben ist. Und das ist so. Aussagen von Zeitgenossen lassen Riezler selbst, und die Zusammenhänge, deutlicher werden. Die Reaktionen auf den konkret-Artikel waren äußerst gespalten. So verzeiht mir die Historiker-Zunft, an der Spitze Gerhard A. Ritter (München) nicht, daß ich mich an die "Journaille" gewandt hätte. Andere finden, daß ich sie (so z.B. Sösemannm in diversen Klagebriefen) nicht genügend erwähnt hätte, und so fort. [...] Herr Goetz (Rom) berichtet, daß sein Kollege aus Kiel um Einsicht in den Nachlaß Goetz gebeten habe. In München sucht eine Mitarbeiterin von Herrn Erdmann im Nachlaß Walter Riezier nach nicht vorhandenen Spuren des Tagebuchs. Sie sehen, lieber Herr Kennedy, in der Historikerschaft ist "ganz schön was los"! Deshalb möchte ich Sie auch bitten, ob Sie von Herrn Gatzke die eine oder die andere Fotokopie, die er erwähnte, erhalten können. Die wenigen Splitter, die Herr Gatzke in seinem Brief preisgibt, zeigen allein, daß ich auf dem rechten Weg bin und bilden in dem "Puzzle" entscheidende Steine, die sich die Hand mit Äußerungen und Verhaltensweisen Erdmanns reichen, die mir offen liegen. Es erklärt sich so der rüde Umgangston, den Herr Erdmann in diesem Kampf anschlägt und auch die etwas nervöse Rundschlagsmethode, die er verfolgt. Ich lege Ihnen einige Unterlagen bei, die Sie auf den neuesten Stand bringen und danke Ihnen für Ihre Hilfe.
3. Volker Berghahn (University of Warwick, Coventry CV4 7AL) an Bernd F. Schulte, 10.9.1983. Herzlichen Dank für Ihren Artikel zu der Riezler-Kontroverse. Ich selbst schrieb seinerzeit treu einen Leserbrief. Doch der ist nicht veröffentlicht worden. Mir scheint der Gegenstoß indessen nicht erfolglos geblieben zu sein. Ich war zufällig in Deutschland als die Fernseh-Diskussion gesendet wurde, und darin kam Herr Erdmann nicht sehr gut heraus. Aber Sie wissen, in Hamburg sitzend, gewiß viel mehr und zudem das Neueste zu der Angelegenheit. Ich hoffe, dass wir uns persönlich einmal wiedersehen werden, zumal ich gar nicht weiß, was Sie im Moment machen und ob Sie ein neues Projekt begonnen haben.
4. Münstersche Zeitung, 21. Februar 1984.
Nochmals zur Frage der Schuld am I. Weltkrieg Da Janßen eine unmögliche Bemerkung an den Anfang seiner Ausführungn zu meinem Buch über die "Verfälschung der Riezler-Tagebücher" setzt, die mir erst heute (2009) bekannt wird, ergeben sich doch einige Richtigstellungen, die unverzichtbar sind. Janßen war äußerst sensibel, weil er und Fischer in der Enleitung zu dem hier besprochenen Buch als "Verbündete" offengelegt wurden. Dass aber beide, in dem Wissen um meine Forschungen aus dem Nachlaß Gerhard Ritters im Bundesarchiv (scho 1978), sich in die Diskussion um Sösemann, Riezler-Tagebuch und Erdmann eingeschaltet hatten (Fischer zeigte Janßen Auszüge aus meinem Material), war diese Richtigstellung in Einleitung und Text von "Die Verfälschung des Riezler Tagebuchs" unverzichtbar. Dies auch deshalb, weil so deutlich wurde, dass Fischer "über meinen Kopf hinweg" versucht hatte, sich an der Diskussion um die Tagebücher zu beteiligen. Hatte er doch schon beim "Bündnis de Eliten" (1978/80) meine Mitarbeit verschwiegen, so folgte er erneut bei seinem rororo-Band ("Streitschrift") demselbem Verhaltensmuster. Ich brachte meine Kenntnisse und Mitarbeit ein, um dann zu erfahren, ich könne nur noch "Versicherungsvertreter" werden. Auch eine Teilnahme an der Diskussion mit Erdmann und Sösemann hintertrieb er mit Erfolg (ich hatte ihn über den NDR dort mit hereingebracht). So kam es zu meinem Lesebrief in der ZEIT, der offenlegte, wer sich im Besitz der Kenntnisse und Dokumete befand. Das ich in dem Band "Die Verfälschung der Riezler Tagebücher" die Verhältnisse, das Kräftespiel hinter den Kulissen um Helmuth Schmidt und Marion Döhnhoff etc. - gegen Janßen - offenlegte, war gewiß etwas zweischneidig für Janßen, sollte jedoch im Kern ein Dienst an der Öffentlichkeit sein, die aufgeklärt werden sollte, wie historisch-politische Meinung "gemacht" wurde und wird. Umso mehr überrascht mich heute die pikierte Reaktion Janßens, der 1985 - mit dieser Rezension - zeigt, dass er mich nicht verstand (nicht verstehen dürfte). Eigentlich werden damit nur die hier gerade erläuterten Kreuz- und Querverbindungen in der Affaire um die Riezler Tagebücher bestätigt. Bernd F.Schulte
Karl-Heinz Janßen | © DIE ZEIT, 04.10.1985 Nr. 41
Genau hundertundfünfzig Kriege von 1789 bis heute hat der Zürcher Politikwissenschaftler Dieter Ruloff untersucht, um herauszufinden, wie in der Neuzeit Kriege entstehen und beginnen. Das Umschlagbild des vortrefflichen Leitfadens, Dieter Ruloff: Wie Kriege beginnen; Verlag C. H. Beck, München 1985; 158 S.; 17,80 DM der den Blick für die Gefahren der Gegenwart schärft, zeigt das Attentat von Sarajewo vom 28. Juni 1914, den mittelbaren Anlaß des Ersten Weltkrieges. Mit gutem Grund: Wie 1914 könnte, so eine unter Gelehrten und Politikern verbreitete Meinung, ein Dritter Weltkrieg anfangen - mit einem regionalen Konflikt in der Dritten Welt, in den dann, vielleicht wider Willen, die Großmächte hineingezogen werden. Wider Willen? Da sind wir schon bei dem Thema, das seit mehr als siebzig Jahren die deutschen Historiker umtreibt. Geht der große Orlog 1914/18 auf unser Schuldkönto? Eine einflußreiche revisionistische Gruppe, angeführt von den emeritierten Professoren Egmont Zechlin, Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges, und Karl Dietrich Erdmann, Offizier des Zweiten Weltkrieges, möchte das Rad der Forschungsgeschichte auf den Stand der fünfziger Jahre zurückdrehen. Damals trösteten sich viele geschichtsbewußte Deutsche mit der scheinbaren Gewißheit, daß wir zwar unleugbar den zweiten, aber nicht den ersten Krieg auf dem Gewissen hätten. 1914 seien die anderen mindestens genauso schuld gewesen, ja eigentlich habe erst die leichtfertige russische Mobilmachung" (so noch dieser Tage zu lesen!) den Stein ins Rollen gebracht. Die Revisionisten suchen heute wieder nach übernationalen Ursachen, als da sind: die Starrheit antagonistischer Machtblöcke, welche Bündnissicherung wichtiger werden ließ als Friedenssicherung; den Automatismus der Mobilmachungen; den verhängnisvollen Druck der öffentlichen Meinung, die fatalistische Erwartung des Völkermordens; den Zeitgeist, dem Krieg noch eine geläufige Alternative zum Frieden war. Damit wäre alles wieder zum Besten bestellt - für den Zweiten Weltkrieg haben wir die Weizsäcker-Rede, für den ersten das viel bemühte Wort Lloyd Georges, daß alle Staaten hineingeschlittert seien. Das Muster dieser Geschichtsrevision ist für den Laien, der Akten und Abhandlungen nicht kennt, nur schwer zu durchschauen: Da wird die deutsche /4//e»«schuld am Ersten Weltkrieg kategorisch bestritten (die niemand behauptet hat, denn die -Österreicher sind -nichts weniger schuldig); da erklärt man den Zwang zum großen Krieg universalhistorisch und unterschlägt den kleinen" Krieg gegen Serbien; über all dem verschwindet die deutsche Hauptschuld (ohne unsere Rückendeckung hätten die Österreicher niemals losgeschlagen) bis zur Unkenntlichkeit. Mit dem Segen des Kieler Kultusministeriums und einem Vorwort von Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg, der von Haus aus Historiker ist, erschien zum 8. Mai eine Broschüre: Karl Dietrich Erdmann/Egmont Zechlin: Politik und Geschichte. Europa 1914 - Krieg oder Frieden; Kiel 1985; 104 S.; kostenlos zu beziehen über die Landeszentrale für Politische Bildung. Da bekräftigen Erdmann und Zechlin abermals ihre Thesen, daß Deutschland nicht wegen hegemonialer oder sozialimperialistischer Ziele (Flucht nach vorn" zur Ablenkung von inneren Krisen) Rußland und Frankreich den Krieg erklärt und das neutrale Belgien unter Bruch des Völkerrechts überfallen hat, sondern einzig zum Zwecke der Selbstbehauptung durch präventive Abwehr". Erdmann ist sich ganz sicher: Das Deutsche Reich habe es nicht auf die Entfesselung eines europäischen Krieges angelegt. Zechlin sekundiert ihm: Die Reichsleitung habe zwar unter dem cauchemar des coalitions, dem Alptraum der Bündnisse, den Weltkrieg riskiert, aber nicht gewollt, sondern lediglich durch eine politische Offensive darauf angelegt, eine internationale Ausweitung der serbisch-österreichischen Krise und damit den Zusammenstoß der beiden Mächtegruppen, zu vermeiden. Das Ziel war, mit dem Einsatz des Machtgewichts des Deutschen Reichs die drohende Entwicklung der Tripleentente zu einem militärischen Allianzsystem zu verhindern und das Kräfteverhältnis im europäischen Staatensystem zu regulieren". Welch ein Euphemismus: regulieren" - nämlich durch Massakrieren eines kleinen Staates (Serbien muß sterbien" lautete die Stammtischparole). Man muß wohl den durch keine historischen Katastrophen getrübten Blick und die politische Vernunft eines Schweizers haben, um die Dinge zu sehen, wie sie wirklich waren. Der Basler Dozent Publizist Adolf Gasser hat - noch kurz vor seinem Tod - drei seiner Studien zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammengefaßt: Adolf Gasser: Preußischer Militärgeist und Kriegsentfesselung 1914; Verlag Helbing & Lichtenhahn; Basel 1985; 138 S.; 28,- DM. Sie alle laufen auf dieselbe Erkenntnis zu: Deutschland beging 1914 höchst freventlich" einen eklatanten Erpresserakt", um die (nur lose zusammenhängende) russisch-französisch-britische Abwehrkoalition so oder so zu sprengen: wenn es nicht »friedlich* (durch ihre Selbstauflösung aus Kriegsangst) gelang, so eben mit Waffengewalt". Und: Wer heute noch den deutschen Überfallskrieg von 1914" als Defensivaktion abstempele, bezeuge, wes Geistes Kind er selber geblieben sei, nämlich ein Produkt und Relikt der Ära des Vulgärpreußentums". Vorangestellt hat ( Gasser seinen Studien ein Wort August Bebeis - Preußen ist ein fürchterlicher Staat" -, und gewidmet hat er sie der neuherangewachsenen jeder selbstzerstörerischen Machtpsychose entledigten Volksmehrheit Deutschlands". Reichlich Belege für seine These von der deutschen Selbstüberheblichkeit und Vermessenheit, es mit drei Weltmächten gleichzeitig aufzunehmen, fand Gasser in den von Bernd Sösmann veröffentlichten Tagebüchern des Berliner Journalisten Theodor Wolff. Unglaublich, mit welchem Leichtsinn die Diplomaten des Auswärtigen Amtes in die Krise hineingingen: Die Lage sei günstig, da die anderen keinen Krieg wollten, und wenn es denn sein müsse, dann besser jetzt als in zwei Jahren; in Rußland werde eh Revolution ausbrechen, und die französische Armee sei in desolater Verfassung. Hinter solchen Aussagen stand ein blindes Vertrauen auf die Prognosen des Großen Generalstabes und der Glaube an die Unbesiegbarkeit der deutschen Armee, ein Glaube, der sich nach der Niederlage von 1918 in die Dolchstoßlegende rettete. Wie schwer es nach dem Zweiten Weltkrieg war, gegen die
geballte Macht nationalkonservativer Ordinarien neue, für das ohnehin angeschlagene
Selbstbewußtsein des Volkes niederschmetternde Erkenntnisse über den deutschen
Größenwahn zu Kaisers Zeiten überhaupt an die Öffentlichkeit zu bringen, sei es das
herausfordernde Buch Fritz Fischers (Griff nach der Weltmacht"), sei es das
entlarvende .Tagebuch des Kanzlergehtlfen Kurt Riezler ' davon handelt das
Buch eines jüngeren Zeithistorikers: Bernd F. Schulte: Die Verfälschung der
Riezler-Tagebücher; Verlag Peter Lang, Bern 1985; 244 S.; 43,- Sfr. Schulte setzt den
Streit fort, der sich an einer Quellenkritik Bernd Sösemanns zur Erdmann'- schen Edition
der Riezler-Tagebücher und einem Z£/r-Dossier (Nr. 24 vom 10. 6. 1983) entzündet hatte.
Leider zählt der Autor zu den Menschen, die in ihrer Empfindlichkeit und Verletztheit
selber in eine Haut-den-Lukas"-Manier verfallen und zu vorschnellen
Schlußfolgerungen neigen, die nichts als peinlich wirken (zum Beispiel, was die
Zf/T-Redaktion angeht). Doch wäre es schade, wenn der Leser darüber den Nutzen dieses
Buches verkennen würde. Denn erstens hat Schulte die Diskussion über die Echtheit der
sogenannten Blockblätter - der Riezlerschen Notizen aus der Julikrise 1914 - um einif;
Denkanstöße bereichert. Schulte fand neue Inizien dafür> daß Riezler seine
Aufzeichnungen aus den entscheidenden Tagen vor Kriegsbegmi später neu komponiert hat,
womöglich auch mit Notizen aus früheren, inzwischen vernichteten Tagebüchern, dies
alles, um das Motiv der Reichsleitung für die Kriegsentfesslung so, wie er es sehen
wollte, herauszuarbeiten: als Entschluß zum Präventivkrieg aus fataler, ausweglos
erscheinender Lage. Daß mit den Blockblättern - trotz Erdmanns Beteuerungen - etwas
nicht stimmen -kann, belegt eine Entdeckung Schultes: Riezler verlegte ein Gespräch des
Reichskanzlers von Bethmanr. Hollweg, von dem er, nach seiner eigenen Erzählung, erst am
25. Juli erfuhr, in den Blockblätterr auf den 7. Juli.
ERDMANN MUSS STELLUNG BEZIEHEN. Adolf Gasser: Preußischer Militärgeist und Kriegsentfesselung 1914. Drei Studien zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. 133 S., Helbing. & Lichtenhahn, Basel-Frankfurt/M. 1985, 28,- DM. Karl Dietrich Erdmann/Egmont Zechlin: Politik und Geschichte. Europa 7914. Krieg oder Frieden. (Schriftenreihe Gegenwartsfragen, 48.) 104 S., Schmidt & Klaunig, Kiel 1985, 9,50 DM. Bernd F. Schulte: Die Verfälschung der Riezler Tagebücher. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der 50iger und 60iger Jahre. (Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 226.) 244 S., Peter Lang, Frankfurt/M.-Bern 1985, Lw. 43,sFr. Die Kontroverse um den Anteil der deutschen Reichsleitung an der Verantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkrieges 1914 befindet sich seit einigen Jahren in einer Art Stellungskrieg. Der These Fritz Fischers (sowie seiner Schüler und Freunde) steht die Position K. D. Erdmanns, E. Zechlins (u. a., einschließlich des Rezensenten) gegenüber. Sie wurde wesentlich gestützt durch die Notizen RiezIers aus der Julikrise 1914. Gelänge es - um im Bilde des Stellungskrieges zu bleiben -, die Bastion der Riezler-Notizen aus jenen Wochen als nicht authentisch zu erweisen und damit zum Einsturz zu bringen, schiene ein Triumph Fischers (und seiner Schule) in den Bereich des Möglichen gerückt. Obwohl Bernd Sösemanns quellenkritische Anmerkungen zu den Eintragungen Riezlers und - damit verbunden - Fragen der Vorgeschichte der Edition der Riezler-Aufzeichnungen durch Erdmann von Agnes Blänsdorf in GWU 1984 (Heft 10) sorgfältig behandelt und weitestgehend geklärt wurden, unternimmt es B. F. Schulte in seinem o. a. Buch erneut, und zwar in ungewöhnlich massiver Form unter Auswertung von Briefen an der Kontroverse beteiligter Historiker, die Korrektheit Erdmanns im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Riezler-Papiere in Frage zu stellen. Darauf müßte der Angegriffene in sehr gründlicher und keinen Vorwurf im Raume stehen lassender Weise Stellung .beziehen. Die Art und Weise des Vorgehens Schultes so viel kann schon hier gesagt werden - erweckt nicht den Eindruck seriösen, unvoreingenommenen Argumentierens. Die Bücher bzw. Broschüren von Gasser und Erdmann/Zechlin enthalten die bekannten Positionen. Gasser publiziert erneut seine Aufsätze von 1968, 1973 und 1983 zum Kriegsbeginn 1914 mit scharfer Verurteilung des preußischen Militärgeistes". Erdmann nimmt zu der Frage Hat Deutschland auch den Ersten Weltkrieg entfesselt?" unter Darlegung seines Standpunktes in der Fischer-Kontroverse Stellung, und Zechlin analysiert Julikrise und Kriegsausbruch 1914 im Anschluß an seine früheren einschlägigen Untersuchungen. Andreas Hillgruber Das Historisch-Politische Buch. Ein Wegweiser durch das Schrifttum, Musterschmidt Verlag, Göttingen-Zürich, XXXIII/9 1985, S. 289.
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