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Signal auf Krieg
Von Gerd Fesser
Er ist ein
Schüler des bekannten Hamburger Historikers Fritz Fischer, der in den
1960er Jahren nachwies, dass das Deutsche Reich die Hauptverantwortung
für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges trug, und der deshalb von
konservativen Historikern heftig angefeindet wurde. Bernd F. Schulte
legt seinen 1983 erschienenen Aufsatzband „Europäische Krise und Erster
Weltkrieg« in überarbeiteter und erweiterter auf Neuauflage (als
E-Book: [Europäische Krise und Erster Weltkrieg, www.forumfilm.com]*)
vor. Er bekräftigt und präzisiert seine Thesen und setzt sich mit
Veröffentlichungen der letzten 25 Jahre kritisch auseinander.
Die
Fixierung vieler Historiker auf den kontrovers interpretierten"
Kriegsrat" vom 8. Dezember 1912 sei falsch, betont der Autor.
Krisenkonferenzen, an denen die Spitzen von Reichsregierung, Heer und
Marine teilnahmen, waren geradezu ein „Führungsinstrument" des
Kaiserreiches. Der Autor verweist insbesondere auf die Konferenzen vom
3. Juni 1909 und 23. November 1912. Er führte den Nachweis, dass die
Konferenz am 23. November 1912, die im Jagdschloss bei Springe
stattfand, weitaus wichtiger als die vom 8. Dezember des gleichen
Jahres war. Bereits in Springe fiel nämlich die Entscheidung zugunsten
einer massiven Aufstockung des Heeres und damit einer verstärkten
Kriegsvorbereitung.
Das
vielberufene "Führungschaos" und die „Polykratie“ im Kaiserreich sind
Fiktionen. Schulte dokumentiert, dass es zwischen Regierung,
Generalstab und Marineführung einen intensiven Austausch von
Informationen und eine gegenseitige Abstimmung gab. Nicht etwa Kaiser
Wilhelm II. allein, so betont der Autor, bestimmte den Kurs der
deutschen Politik, sondern „der Verbund von Politik und den Kräften der
kaiserlichen Umgebung..., der Militärs, aber auch...’pressure groups’
aus Industrie, Landwirtschaft und Bürokratie".
Im August
2014 wird sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Male
jähren. Neue Veröffentlichungen und Debatten sind zu erwarten. Da wird
es gut sein, wenn die Quellenfunde und die Argumente Schultes präsent
sind.
Bernd F.
Schulte: Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines
Kriegerstaates, 1871 bis 1914. Hamburger Studien zu Geschichte und
Zeitgeschehen, Reihe II, Bd. 1, Norderstedt (BoD) 396 S., 22,80 €.
*)
Von mir
ergänzt/korrigiert, B.S.
Neues
Deutschland, Sonnabend/Sonntag 20./21. August 2011 - Geschichte W7
Vor 95 Jahren: Die
Welt im Krieg
Der Erste Weltkrieg.
Menschen verloren ihr Leben, ihre Angehörigen,
ihre Heimat. Eine Lawine, die ‑ losgetreten ‑ unaufhaltsam durch Europa
und schließlich die Welt rollte und, im Grunde bis heute, für Leid,
Armut und Trauer sorgte. Doch wie konnte es dazu kommen? Bernd F.
Schulte analysiert in:
„Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines
Kriegerstaates
1871‑1914“
Hintergründe und Entwicklungen, die zu diesem tiefsten Einschnitt der
neueren Geschichte´führten, und vermittelt neue Erkenntnisse zu Ablauf
wie auslösenden Ereignissen.
November/Dezember
1912: dunkle Wolken ziehen
über dem Balkan auf. Es
werden in Springe und Berlin Krisenkonferenzen zur politischen Lage
Europas abgehalten. Es geht um Krieg oder Nichtkrieg. Politiker und
Militärs ringen miteinander und schließlich sind sich Reichskanzler und
Generalstabschef einig. Im Jagdschloß von Springe wird die Parole
ausgegeben: Krieg bei nächster Gelegenheit. Die größte
Heeresverstärkung im Kaiserreich ist beschlossene Sache. Der große
Krieg steht unmittelbar bevor.
Am 28. Juli 1914 erklärt Österreich Serbien den Krieg und damit
befinden sich Deutschland auf österreichischer Seite und Russland auf
serbischer
Seite im Kriegszustand. Es folgen die deutsche Kriegserklärung an
Frankreich und
die Englands an das Deutsche Reich. Damit befindet sich am 3. August
Europa
im Krieg.
Als dafür verursachend anzusehen sind die
diplomatisch‑politischen, sozialgeschichtlichen und vor allem die engen
militär‑ und
rüstungspolitischen Interdependenzen innerhalb der deutschen
Führungselite vor 1914.
Das Forschungsproblem rund um die Frage nach der
Kriegsschuld von 1914 – und wie diese auf die beteiligten Mächte zu
verteilen ist – steht auch noch
95 Jahre danach im Focus des allgemeinen Interesses. Die brisante
politische und
strategische Situation von damals gewinnt immer wieder neue Aktualität;
auch über den Rahmen
rein wissenschaftlicher Diskussion hinaus. Schulte zeigt überdies, wie
die
gravierenden strukturellen Defekte im Staatsaufbau des Deutschen
Reichs, und darüber
hinaus in dessen Armee, schließlich zur Niederlage, und damit dem
Verlust der seit 1871
gewonnenen Position als europäischer, halbhegemonialer Macht führten.
Im August 2014 wird sich der Ausbruch des ersten
Weltkrieges zum hundertsten Mal jähren. Alles deutet darauf hin, dass
sich wissenschaftliche
Kontroverse und Gedenkfeiern hart im Raume stoßen werden. Um so mehr
ist es unverzichtbar, die
Beschäftigung mit dem historischen Phänomen „Erster Weltkrieg“ weiter
zu kultivieren, denn
dessen politische Lehren sind bis heute noch nicht gezogen.
Im Rahmen der Hamburger Studien zu Geschichte und
Zeitgeschehen hat Bernd F. Schulte darüber hinaus einen
Aufsatzband verfasst, der einen detaillierten
Bogen über 25 Jahre Weltkriegsforschung spannt. Der etablierte
Historiker, Publizist, Film‑
und Fernsehproduzent hat als Dozent an Hamburger Hochschulen unter
anderem wichtige Beiträge
zur deutschen Militärgeschichte, diplomatisch‑politischen Entwicklung
auf dem Balkan,
zur Wissenschaftsgeschichte der 50er und 60er Jahre sowie zu den
deutsch‑deutschen
Beziehungen zwischen 1970 und 1990 geleistet. Dieser Band leistet, mit
dem Annex zum
"informellen Regierungssystem im Kaiserreich", und dem Institut der
Krisenkonferenzen - einen
weiterführenden Beitrag zur ungebrochen andauernden Fischer-Kontroverse
der
Wissenschaft.
Bernd F. Schulte: Deutsche Policy of Pretention: Der
Abstieg eines Kriegerstaates 1871‑1914. Hamburger Studien
zu Geschichte und Zeitgeschehen, Reihe
II, Band 1, Norderstedt 2009. 404 S., 22,80 €, ISBN 978‑3‑8370‑2261‑3.
ABSTIEG
EINES KRIEGERSTAATES – Eine Reaktion aus Hohenfinow.
Barnimer
Bürgerpost die unabhängige Leserzeitung NR. 190 ·16.JAHRGANG ·
AUSGABE 11 / 2010 VOM 3. DEZEMBER 2010 · ERSCHEINT MONATLICH
· 1 EUR
buchtip 14
Der
Abstieg eines
Kriegerstaates
Heute
werden Kriege demokratisch geführt. Über den Einsatz der Bundeswehr am
Hindukusch und anderswo entscheidet offiziell der Bundestag –
wenngleich gegen den ausdrücklichen Willen der Mehrheit des deutschen
Volkes. Wer die aktuelle politische Weltlage in ihrer ganzen
Explosivität begreifen will, der muß sich mit der europäischen Krise
des Jahres 1914 beschäftigen. Unheilvolle Parallelen drängen sich
dabei auf.
Wichtige
Entscheidungen fielen damals ganz in der Nähe von Eberswalde. »Im Juli
1914 berührte die deutsche Reichspolitik Hohenfinow«, heißt es dazu in
der Ortschronik von Hohenfinow, die 2007 anläßlich 750. Ortsjubiläums
erschien. Der Hohenfinower Gutsherr Theobald von Bethmann Hollweg war
seit 1909 Reichskanzler. Im Juli 1914 war die Reichsregierung im
Sommerurlaub und Bethmann Hollweg weilte auf seinem Schloß in
Hohenfinow. Über eine Telegraphenstation im Schloß hielt er den Kontakt
mit Kaiser Wilhelm II., den Regierungsstellen in Berlin und der
Militärführung. »Akten wurden von und nach Berlin zur Bearbeitung
gesandt. Des Reichskanzlers Expreßzug stand im Bahnhof Niederfinow
bereit.« Am 25. Juli 1914 verließ Bethmann Hollweg Hohenfinow. Am
1. August proklamierte Wilhelm II. die Generalmobilmachung…
Ein 2009
in zweiter Auflage erschienene Aufsatzband aus dem Jahr 1983 über die
deutsche Hegemonialpolitik liefert komplexe Einsichten zur
Vorgeschichte und zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs. Dabei wird das
teilweise verwirrende Spektrum des innenpolitischen Kräftespiels im
Deutschen Reich akribisch herausgearbeitet. Autor ist der Historiker
und Publizist Bernd F. Schulte, ein Schüler des berühmten Hamburger
Zeitgeschichtlers Fritz Fischer. »Dieser Band faßte 1982/83 jene Fragen
und Antworten zum Forschungsstand ›Erster Weltkrieg‹ zusammen, die in
der damaligen westdeutschen Geschichtsschreibung nicht zur Kenntnis
genommen wurden«, heißt es in der Vorbemerkung zur Neuauflage. Die von
Schulte in seiner Einleitung zur Erstauflage konstatierte »Tendenzwende
innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft, weg von einer
progressiven Interpretation (Theorie-, Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte) zurück zu der traditionellen, neubelebten
Diplomatiegeschichte alter Prägung in einer ›neuen politischen
Geschichte‹, unter Verwendung modisch gewordener Versatzstücke aus der
Politikwissenschaft (›Polykratielehre‹)«, hat längst, spätestens aber
im Gefolge der Abwicklung der DDR-Geschichts-Wissenschaft, alle
Bereiche der historischen Forschung erfaßt. Die offiziöse »historische
Analyse«, die sich in Schultes Worten 1983 noch »anschickt(e), in die
Diktion apologetischer, letztlich das Schicksal bemühender
Erklärungsversuche zurückzufallen«, hat diesen Anpassungs- und
Verfallsprozeß inzwischen weitgehend vollzogen. Ausgangs- und
Orientierungspunkt von Schultes Aufsätzen bildet die sogenannte
Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre. Fischers Arbeiten beruhten auf
akribische Quellenrecherchen, vor allem der gründlichen Auswertung der
Akten des Auswärtigen Amtes und der Reichskanzlei. Im Potsdamer
Zentralarchiv war er auf das »Septemberprogramm« des Reichskanzlers
Theobald von Bethmann Hollweg aus dem Jahr 1914 gestoßen, das in
Erwartung eines raschen deutschen Sieges weitreichende Annexionen in
Frankreich und den Beneluxstaaten sowie koloniale Inbesitznahmen in
Zentralafrika vorsah. Dieses Programm, schrieb Fischer, stellte »keine
isolierten Forderungen des Kanzlers dar, sondern repräsentierte Ideen
führender Köpfe der Wirtschaft, Politik und des Militärs«, die darin
formulierten Richtlinien seien »im Prinzip Grundlage der gesamten
deutschen Kriegszielpolitik bis zum Ende des Krieges« gewesen (Griff,
Sonderausgabe 1967, S. 95). Fischer widersprach damit der damals in der
BRD verbreiteten Auffassung, Deutschland sei rein defensiv in den Krieg
»hineingeschlittert«.
Wie Bernd
F. Schulte nachweist, lief das Konstrukt der »Policy of Pretention«,
der deutschen Hegemonialpolitik, seit 1905 nahezu zwangsläufig früher
oder später auf einen Kriegsentschluß hinaus. Vor dem Hintergrund des
militärischen Zusammenbruchs der Türkei im 1. Balkankrieg 1912 wurden
die Weichen endgültig auf einen Krieg ab 1914 gestellt. Bereits am 20.
Januar 1913 stellte der Generalstab den »Aufmarschplan Deutschlands« in
einem Dreibundkrieg fertig. Im Juni 1913 folgte die »Große
Heeresvermehrung«, nach Schulte nichts anderes als die »Vorbereitung
der Armee für den großen Krieg mit den Flügelmächten Frankreich und
Rußland und damit zugleich für den europäischen Krieg, der in neunzig
Prozent zum Weltkrieg führen würde«. (S. 37)
»Nicht
ausschließlich Wilhelm II.«, das zeigen laut Schulte »die Quellen zu
den Krisenkonferenzen in Springe und Berlin, sondern der Verbund von
Politik und den Kräften der kaiserlichen Umgebung, das heißt des Hofes
(mit ›Maison Militaire‹), der Militärs, aber auch der Vertreter der
›pressure groups‹ aus Industrie, Landwirtschaft und Bürokratie
bestimmten den Kurs der deutschen Politik.« (S. 344) Völlig widersinnig
sei daher die dem traditionellen Ansatz zugrundeliegende Annahme, »die
›au fond‹ friedensliebenden Führungseliten des Kaiserreichs seien unter
dem Druck einer kriegswilligen Öffentlichkeit letztlich zum Kriege
gezwungen worden«, urteilt derAutor und schließt: »Eine solche
Geschichtsschreibung stellt die historische Wirklichkeit auf den Kopf.«
(ebd.)
In
weiteren Aufsätzen geht Schulte der Frage nach, warum das Deutsche
Reich im Weltkrieg nicht den von den Führungseliten in Wirtschaft,
Militär und Politik erwarteten militärischen Erfolg erzielte. Laut
Schulte ist dies insbesondere in den tiefer liegenden strukturellen
Defiziten des deutschen Staatswesens und dessen Streitkräften – etwa
hinsichtlich Ausbildungsstand und Waffentechnik – begründet. In
überlebten gesellschaftlichen Strukturen erstarrt, habe die politische
und militärische Führung die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ein nur
mittelmäßiges Management habe schließlich Fehlschläge wie die
Marneschlacht verursacht, die irreparabel waren. Den Fokus richtet der
Autor auch auf den – angesichts von Staatsstreich-, Anarchismus-,
Streik-, Revolutions- und Bürgerkriegsdrohung – von den kaiserlichen
Militärbehörden immer schärfer konturierten Sicherheitsaspekt, der im
Hinblick auf die deutschen Kriegsvorbereitungen analysiert und
ausgeleuchtet wird.
Dieser
Beitrag beruht maßgeblich auf der Rezension
von
ALEXANDER
BAHAR
in der
Tageszeitung
»Junge
Welt« vom 1. September 2010

Mittwoch, 1. September 2010, Nr. 202
Expansion als Staatsziel
Rezension. Ein Aufsatzband über
die deutsche Hegemonialpolitik liefert
komplexe Einsichten zur Vorgeschichte und zu den Ursachen des Ersten
Weltkriegs
Von Alexander Bahar
Wer
die aktuelle politische Weltlage in
ihrer ganzen Explosivität
begreifen will, der muß sich mit der europäischen Krise des Jahres 1914
beschäftigen. Unheilvolle Parallelen drängen sich dabei auf.

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»...mit
eigener Kraft um Deutschlands Größe« – Kaiser Wilhelm II. (r.) und
Generalstabschef Helmuth von Moltke (2. v. r.) bei einem Manöver
Foto: jW-Archiv
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Ein 2009 in zweiter Auflage erschienener Aufsatzband aus dem Jahr 1983
zur »Policy of Pretention« des deutschen Kaiserreichs liefert hierzu
eine Fülle an Material und unbequemen Einsichten. Dabei wird das
teilweise verwirrende Spektrum des innenpolitischen Kräftespiels im
Deutschen Reich akribisch herausgearbeitet. Autor ist der Historiker
und Publizist Bernd F. Schulte, ein Schüler des berühmten Hamburger
Zeitgeschichtlers Fritz Fischer. Schulte war Dozent an Hamburger
Hochschulen und hat Filme und Fernsehsendungen produziert.
Die für den historischen Laien bisweilen schwer zugänglichen, weil aus
der Fachdiskussion heraus entstandenen Aufsätze und Vorträge schlagen
einen Bogen über 25 Jahre Weltkriegsforschung. »Dieser Band faßte
1982/83 jene Fragen und Antworten zum Forschungsstand ›Erster
Weltkrieg‹ zusammen, die in der damaligen westdeutschen
Geschichtsschreibung nicht zur Kenntnis genommen wurden«, heißt es in
der Vorbemerkung zur Neuauflage.
Obwohl die Entstehungszeit der Aufsätze zum Teil weit über dreißig
Jahre zurückliegt, haben die darin behandelten Fragen wenig an
Aktualität eingebüßt. Und es gilt heute verstärkt, was der Autor als
wesentlichen Grund für das Publikumsinteresse an der Erstauflage nennt,
als die sogenannte NATO-Nachrüstung die Menschen bewegte: Es »entstand
der Eindruck, nicht mehr in einer Nachkriegszeit, sondern in einer
Vorkriegszeit zu leben«.
Die von Schulte in seiner Einleitung zur Erstauf lage mit Bedauern
konstatierte »Tendenzwende innerhalb der deutschen
Geschichtswissenschaft«, die Mitte der 1970er Jahre einsetzte, »weg von
einer progressiven Interpretation (Theorie-, Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte) zurück zu der traditionellen, neubelebten
Diplomatiegeschichte alter Prägung in einer ›neuen politischen
Geschichte‹, unter Verwendung modisch gewordener Versatzstücke aus der
Politikwissenschaft (›Polykratielehre‹)«, hat längst, spätestens aber
im Gefolge der Abwicklung der DDR- (Geschichts-)Wissenschaft, alle
Bereiche der historischen Forschung erfaßt. Die offiziöse »historische
Analyse«, die sich in Schultes Worten 1983 noch »anschickt (e), in die
Diktion apologetischer, letztlich das Schicksal bemühender
Erklärungsversuche zurückzufallen«, hat diesen Anpassungs- und
Verfallsprozeß inzwischen weitgehend vollzogen.
Die »Fischer-Kontroverse«
Ausgangs- und Orientierungspunkt von Schultes Aufsätzen bildet die
sogenannte Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre. Zur Erinnerung: Der
Hamburger Zeitgeschichtsprofessor Fritz Fischer hatte mit einem 1959
veröffentlichten Aufsatz sowie insbesondere mit seiner 1961
erschienenen Monographie »Griff nach der Weltmacht. Die
Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18« die deutsche
Geschichtswissenschaft gründlich aufgemischt. Mit pointierten Thesen
setzte sich Fischer darin deutlich von dem in Deutschland bis dahin
gültigen Forschungsstand ab – und löste so eine hitzige Kontroverse aus.
Fischers Arbeiten beruhten auf akribischen Quellenrecherchen, vor allem
der gründlichen Auswertung der Akten des Auswärtigen Amtes und der
Reichskanzlei. Im Potsdamer Zentralarchiv war er auf das
»Septemberprogramm« des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg
aus dem Jahr 1914 gestoßen, das in Erwartung eines raschen deutschen
Sieges weitreichende Annexionen in Frankreich und den Beneluxstaaten
sowie koloniale Inbesitznahmen in Zentralafrika vorsah. Dieses
Programm, schrieb Fischer, stellte »keine isolierten Forderungen des
Kanzlers dar, sondern repräsentierte Ideen führender Köpfe der
Wirtschaft, Politik und des Militärs«, die darin formulierten
Richtlinien seien »im Prinzip Grundlage der gesamten deutschen
Kriegszielpolitik bis zum Ende des Krieges« gewesen (Griff,
Sonderausgabe 1967, S. 95).
Ein Tabubruch
Deutschland, so legten es die Quellen nahe, war also keineswegs rein
defensiv in den Krieg »hineingeschlittert«, sondern hatte von Anfang an
weitreichende hegemoniale Kriegsziele verfolgt. Als Nachkriegsordnung
schwebte den verantwortlichen Stellen die Schaffung eines von
Deutschland beherrschten »Mitteleuropa« vor, das sich als Zollverband
unter deutscher Führung von Frankreich bis Polen erstrecken sollte.
Weitergehend stellte Fischer heraus, daß das projektierte Ziel einer
deutschen Hegemonie in Europa schon lange Zeit vor dem Krieg konzipiert
worden war.
Konkret konnte Fischer zudem nachweisen, daß das Attentat vom 28. Juni
1914 in Sarajewo für die deutsche Reichsleitung der willkommene Anlaß
für die Verwirklichung ihrer weitreichenden Ziele war, daß sie
Österreich-Ungarn zum Krieg gegen Serbien geradezu gedrängt und – im
Gegensatz zu ihren offiziellen Bekundungen – eine friedliche Beilegung
oder doch zumindest eine Eindämmung des Konflikts systematisch
hintertrieben hatte.
Fischer schloß: Indem sie »im Vertrauen auf die deutsche militärische
Überlegenheit es im Juli 1914 bewußt auf einen Konflikt mit Rußland und
Frankreich ankommen ließ«, trage »die deutsche Reichsführung den
entscheidenden Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des
allgemeinen Krieges« (Griff, Sonderausgabe 1967, S. 82). »Nach außen
und gegenüber der eigenen Nation« habe die Reichsleitung im Juli 1914
planmäßig die Fiktion eines »Überfalls« inszeniert (ebd., Vorwort, S.
7). Die »gegenüber Rußland so systematisch aufgebaute
Kriegsschuldfiktion« habe durch die »Mobilisierung der antizaristischen
Affekte innerhalb der Sozialdemokratie« »eine Ausschaltung jeder
grundsätzlichen Opposition der Sozialdemokratie« und damit die
nationale Einheitsfront des 4. August 1914 ermöglicht (ebd., S. 80/88).
Der deutschen Geschichtswissenschaft warf der Hamburger Historiker vor,
daß sie diese »Überfallthese« der deutschen Reichsleitung unkritisch
übernommen habe (ebd., Vorwort, S. 7). Fischers Thesen wurden
seinerzeit von der offiziösen westdeutschen Geschichtswissenschaft als
Tabubruch empfunden und mehrheitlich empört zurückgewiesen.
Eskalation zum Weltkrieg

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»Große Heeresvermehrung« für den Aggressionskrieg: Kanonenwerkstatt bei
Krupp
Foto: jW-Archiv
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In späteren Werken akzentuierte und verschärfte Fischer seine Position:
Deutschland habe spätestens seit 1911 bewußt auf einen allgemeinen
Krieg hingearbeitet. Zunehmend betonte Fischer dabei auch das über den
Ersten Weltkrieg hinausreichende »Zusammenspiel von Wirtschaft und
Politik« und verwies damit auf die gesellschaftlichen und politischen
Entstehungsbedingungen des Faschismus und des »Dritten Reiches«.
Stand bei Fischer die Kriegszielpolitik des deutschen Kaiserreichs im
Mittelpunkt des Forschungsinteresses, spürt Schulte den auf einen Krieg
zusteuernden Entscheidungsprozessen innerhalb der deutschen politischen
und militärischen Führungselite bis ins letzte Drittel des 18.
Jahrhunderts nach. Wie der Hamburger Historiker nachweist, lief das
Konstrukt der »Policy of Pretention«, der deutschen Hegemonialpolitik,
seit 1905 nahezu zwangsläufig früher oder später auf einen
Kriegsentschluß hinaus. Konkret akzentuiert Schulte in diesem
Zusammenhang das Instrument der Krisenkonferenzen im deutschen
Kaiserreich, wobei sich eine rote Linie von der Krisenkonferenz im März
1905, über die im Juni 1909 bis hin zu den entscheidenden Konferenzen
vom November/Dezember 1912 ziehen läßt: nämlich der Krisenkonferenz in
Springe, vom 23.November 1912, und dem sogenannten „Kriegsrat“ vom 8.
Dezember 1912. In allen Fällen handelte es sich um Zusammenkünfte auf
höchster politischer und militärischer Ebene. Wie Schulte im Detail
nachweist, belegen die Krisenkonferenzen nicht nur eine zielstrebige
deutsche Vorbereitung auf den Krieg, sondern sind darüber hinaus auch
als »Eskalationsstufe zum Weltkrieg« (S. 18) zu verstehen.
“Bei der deutsch-österreichischen Krisenkonferenz im Jagdschloß
Springe, am »Saupark«, war die Crème de la crème der regionalen
Würdenträger wie auch der Berliner und Wiener Führungsspitzen
vertreten. Die Konferenz stand im Schatten der Ereignisse auf dem
Balkan, wo die türkische Machtposition erdrutschartig unter den
Schlägen der griechischen, montenegrinischen und bulgarischen Armeen
zusammengebrochen war. Durch den damit verbundenen Ausfall der Türkei
als möglichem Bündnispartner des Deutschen Reiches– in erster Linie
gegenüber Rußland am Kaukasus– waren tiefgreifende strategische
Kräfteverschiebungen zwischen der Tripleallianz und dem Dreibund
eingetreten. Zugleich war damit auch ein verstärkter Druck der
russischen Armee auf Österreich-Ungarn und die deutsche Ostgrenze zu
erwarten, den der Große Generalstab noch 1911 durch die beschleunigte
Aufrüstung der türkischen Armee glaubte auffangen zu können. Die
gestärkte Stellung des infolge der Balkankriege auf nahezu die doppelte
Fläche angewachsenen Serbien gegenüber Österreich-Ungarn ließ in Wien
darüber hinaus Befürchtungen hinsichtlich einer Einwirkung Serbiens auf
die Slawen innerhalb der Donaumonarchie aufkommen.“
Aufrüstungskurs
Im Ergebnis der Konferenz erteilte zwar Wilhelm II. »seinem fürstlichen
Gesprächspartner Franz Ferdinand für den Moment eine klare Absage (…),
einem Krieg Österreichs mit Serbien militärische Unterstützung zu
leisten«. Andererseits erhielt aber der Generalstabschef, wie Schulte
anhand der Quellen nachweist, schon hier die entscheidenden
rüstungspolitischen Zusagen von Seiten des Reichskanzlers von Bethmann
Hollweg für eine massive personelle Aufstockung des deutschen Heeres
(S.332).
Nach seiner Rückkehr aus Springe schrieb Generalstabschef Moltke am
25.11.1912 an das Kriegsministerium: »Wir müssen m. E. noch weiter
gehen und unserem gesamten Heere die Stärke geben, die allein den
endgültigen Erfolg in dem nächsten Kriege verbürgt, den wir zwar mit
Bundesgenossen, aber doch im wesentlichen mit eigener Kraft um
Deutschlands Größe zu führen haben. Wir müssen uns entschließen,
wenigstens unser Menschenmaterial auszunutzen.« (S. 20)
“Der türkische Zusammenbruch auf dem Balkan bildete auch den
Hintergrund des von Wilhelm II. am 8. Dezember 1912 einberufenen
»Kriegsrats«, an dem u. a. der Chef des Reichsmarineamtes, Admiral
Alfred von Tirpitz, der Admiralstabschef Heeringen, der
Generalstabschef Moltke und der Chef des Marinekabinetts, Admiral von
Müller, teilnahmen. Verschärft wurde die Lage durch einen Bericht des
deutschen Botschafters in London, wonach Großbritannien jetzt
nachdrücklich mit der uneingeschränkten Unterstützung Frankreichs
drohte, falls es zum Krieg auf dem Balkan zwischen Österreich und
Serbien käme. Aus Sicht Wilhelms II. fiel damit die gesamte Politik des
Reichskanzlers von Bethmann Hollweg seit 1909 in sich zusammen, deren
vorrangige Aufgabe darin bestanden hatte, Großbritannien in einem
kommenden Kontinentalkrieg durch gute beiderseitige Beziehungen zu
einer neutralen Haltung zu bewegen. Nach dem Tagebuch des
Marinekabinettschefs, Admiral von Müller, äußerte sich der Kaiser
während der Zusammenkunft: »Um den Krieg mit ganzer Wucht gegen
Frankreich zu führen«, müsse die Flotte »sich natürlich« unverzüglich
»auf den Krieg mit England einrichten«. Generalstabschef Moltke soll
darauf geantwortet haben, er ‚halte einen Krieg für unvermeidbar. (und)
je eher je besser.’“ Demgegenüber widersprach Tirpitz laut einer
erstmals 1982 von Schulte veröffentlichten Tagebuchnotiz des engen
Tirpitz-Mitarbeiters Kapitän z. S. Hopman, es liege »im Interesse der
Marine (…), (den) Krieg wenn möglich noch 1-2 Jahre hinauszuschieben.
Auch (die) Armee könne bis dahin noch viel tun zur besseren Ausnutzung
unseres Bevölkerungsüberschusses«. Nach Tirpitz’ Einspruch wurde die
Forderung des Kaisers, den Krieg sofort auszulösen, mit Rücksicht auf
den Stand der Flottenrüstung für den Augenblick zwar zurückgewiesen,
eine kriegerische Auseinandersetzung im gleichen Zug jedoch für
frühestens 1914 ins Auge gefaßt.“
In der Folge forderte Wilhelm II. unverzügliche Maßnahmen von Armee und
Flotte zur Vorbereitung einer Invasion Großbritanniens sowie die
propagandistische Vorbereitung eines erwarteten umfassenden Krieges mit
Stoßrichtung vor allem gegen Rußland. Von den Diplomaten erwartete der
Kaiser die Optimierung der Bündnislage durch Verträge mit Rumänien,
Bulgarien, Griechenland und der Türkei. »Auf diese Weise plante der
Monarch, der deutschen Armee – analog zu ihrem Operationsplan – die
Zeit zum Vernichtungsschlag gegen Frankreich zu sichern«, schreibt
Schulte (S. 337 f.).
Bereits einen Tag später, am 9. Dezember 1912, wies Wilhelm II. seinen
Kriegsminister Josias von Herringen an, eine »Große Heeresvermehrung«
vorzubereiten. Dies bedeutete nichts anderes als einen
Höchstinstanzlichen Kurswechsel: gegen die Flotten- und zugunsten der
Armeerüstung. Derart abgesichert, ergriff in der Folge Generalstabschef
Moltke »die Initiative in der Durchführung der Kriegsvorbereitung« (S.
349), die gleichzeitig die Wende deutscher Politik zurück zur
Kontinentalpolitik festlegte. Am 9. Januar 1913 umriß der Generalstab
in einer ausführlichen Erörterung mit Vertretern des Kriegsministeriums
seine Forderungen. Ein künftiger Krieg sollte demnach mit Rücksicht auf
die Armeerüstung vorrangig ein mittelfristig (bis 1916) zu führender
Kontinentalkrieg gegen die Flügelmächte Frankreich und Rußland sein.
Dieser Stoßrichtung trug der vom Generalstab im Februar 1913
verabschiedete Schlieffen-Plan Rechnung, der vorsah, die Seemacht
Großbritannien zu Lande (in Frankreich) zu treffen. »Damit war jedoch«,
schließt Schulte, »die Intention des Kaisers, der den Seekrieg mit
England im Auge hatte, beiseite geschoben, und das Konzept Bethmann
Hollwegs, das gegen Rußland (festlandorientiert und damit armeebasiert)
gerichtet war, hatte gesiegt.« (S. 35)
Geschichtslügen gekontert
Bereits am 20. Januar 1913 stellte der Generalstab den »Aufmarschplan
Deutschlands« in einem Dreibundkrieg fertig. Auf der Basis dieser
Vorentscheidungen und auf Initiative des Monarchen kam es schließlich
im Juni 1913 zu der von Moltke unterstützten »Großen Heeresvermehrung«,
nach Schulte nichts anderes als die »Vorbereitung der Armee für den
großen Krieg mit den Flügelmächten Frankreich und Rußland und damit
zugleich für den europäischen Krieg, der in neunzig Prozent zum
Weltkrieg führen würde«. (S. 37)
»Nicht ausschließlich Wilhelm II.«, das zeigen laut Schulte »die
Quellen zu den Krisenkonferenzen in Springe und Berlin, sondern der
Verbund von Politik und den Kräften der kaiserlichen Umgebung, das
heißt des Hofes (mit ›Maison Militaire‹), der Militärs, aber auch der
Vertreter der ›pressure groups‹ aus Industrie, Landwirtschaft und
Bürokratie bestimmten den Kurs der deutschen Politik.« (S. 344) Völlig
widersinnig sei daher die dem traditionellen Ansatz zugrundeliegende
Annahme, »die ›au fond‹ friedensliebenden Führungseliten des
Kaiserreichs seien unter dem Druck einer kriegswilligen Öffentlichkeit
letztlich zum Kriege gezwungen worden«, urteilt der Autor und schließt:
»Eine solche Geschichtsschreibung stellt die historische Wirklichkeit
auf den Kopf.« (ebd.)
Indem er die Institution der »Kriegskonferenzen« im Kaiserreich als
zentrale Schaltstelle der politischen Entscheidungsfindung auf höchster
Ebene bloßlegt, entzieht der Band der These der sogenannten
Düsseldorfer Schule den Boden, die u.a. von Wolfgang Mommsen adaptiert
wurde, es sei aufgrund der inneren Strukturen des wilhelminischen
Kaiserreichs, dem informellen Regierungsstil Wilhelms II., von einer
Polykratie, einer angeblichen »Zerklüftetheit der Entscheidungsträger«
in Berlin und einer angeblichen »Unregierbarkeit des deutschen Reiches«
auszugehen. Die insbesondere von Mommsen vertretene »Polyvalenzthese«
entlarvt Schulte als bloße »politikwissenschaftliche Sprachregelung«,
die bei aller Bemühtheit nicht den Eindruck verdrängen könne, »daß
(hier) die historische Analyse hinter dem Nebel modischer
Begrifflichkeit sich anschickt, in die Diktion apologetischer,
letztlich das Schicksal bemühender Erklärungsversuche zurückzufallen«.
(S. 15)
Damit untermauert Schulte die von Fischer seinerzeit im Verlauf der
Debatte entwickelte These eines Angriffs-, Durchbruchs- oder
Hegemonialkrieges des Deutschen Reiches, der fortgeschrittene Vertreter
der Verteidigungskriegsthese wie Egmont Zechlin und Karl Dietrich
Erdmann die These eines deutschen Präventivkriegs entgegenstellt hatten.
Gegen den Zeitgeist
In weiteren Aufsätzen geht Schulte der Frage nach, warum das Deutsche
Reich im Weltkrieg nicht den von den Führungseliten in Wirtschaft,
Militär und Politik erwarteten militärischen Erfolg erzielte. Laut
Schulte ist dies insbesondere in den tiefer liegenden strukturellen
Defiziten des deutschen Staatswesens und dessen Streitkräften – etwa
hinsichtlich Ausbildungsstand und Waffentechnik – begründet. In
überlebten gesellschaftlichen Strukturen erstarrt, habe die politische
und militärische Führung die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ein nur
mittelmäßiges Management habe schließlich Fehlschläge wie die
Marneschlacht verursacht, die irreparabel waren. Den Fokus richtet der
Autor auch auf den – angesichts von Staatsstreich-, Anarchismus-,
Streik-, Revolutions- und Bürgerkriegsdrohung – von den kaiserlichen
Militärbehörden immer schärfer konturierten Sicherheitsaspekt, der im
Hinblick auf die deutschen Kriegsvorbereitungen analysiert und
ausgeleuchtet wird.
Der auch 27 Jahre nach dem Erscheinen der Erstauflage offenkundige Wert
des Buches für das Verständnis der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs
wird leider durch einige unübersehbare Mängel geschmälert. Das ist zum
entscheidenden Teil der Tatsache geschuldet, daß es sich um eine
Sammlung unabhängig voneinander und nicht aufeinander abgestimmter
Fachaufsätze und -vorträge handelt, die zudem noch im Nachgang zu einer
historischen Kontroverse entstanden sind. Das erklärt die vielen
Redundanzen. Auch ist es dem Autor nicht gelungen, den Verlauf und die
Bedeutung dieser durchaus interessanten und für die deutsche
Geschichtswissenschaft aufschlußreichen Kontroverse in seiner
Einführung allgemeinverständlich darzustellen. Hinzu kommen editorische
Mängel. So ist bei manchen Beiträgen nicht eindeutig ersichtlich, wann
und wo sie zuerst erschienen sind. Auch der unkommentierte Abdruck von
Besprechungen eigener Bücher des Autors und das Fehlen eines
wissenschaftlichen Apparates wirken sich ungünstig auf die Lektüre aus.
Die sehr ausführliche Darstellung verliert sich zudem zu oft in
Details, wobei die Frage nach der historisch-politischen Relevanz in
den Hintergrund tritt. Ein guter Lektor wäre hier hilfreich gewesen.
Der stand wohl nicht zur Verfügung, denn der Band ist als »Book on
Demand« erschienen, praktisch also im Eigenverlag. Womit wir bei der
grundsätzlichen Frage angelangt wären: Welcher arrivierte Verlag würde
sich eines derart sperrigen wie verdienstvollen, weil gegen den
Zeitgeist schwimmenden Werks heute noch annehmen?
Bernd F. Schulte: Deutsche Policy of Pretention - Der Abstieg eines
Kriegerstaates 1871–1914. Hamburger Studien zu Geschichte und
Zeitgeschehen, Reihe II, Band 1, Norderstedt 2009, 396 Seiten, 22,80 €,
ISBN 978-3837022513.
Deutsche Policy of Pretention
in Buchjournal

Deutsche Policy of Pretention.
Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871 -
1914
In diesem Sammelband geht es um die Europäische Krise von
1914. Ob die deutsche Geschichtswissenschaft das Jubiläum im Jahre 2014
feiern wird oder nicht, stellen muß sie sich der Kontroverse um den
Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dieser Aufsatzband, der 1983 in erster
Auflage erschien, schlägt mit dem Beitrag zur "Policy of Pretention"
des deutschen Kaiserreches den Bogen über 25 Jahre Weltkriegforschung.
Dass in diesem Zusammenhang den Krisenkonferenzen im November/Dezember
1912, innerhalb des Entscheidungsprozesses der politischen und
militärischen Führungselite des Kaiserreiches, entscheidende Bedeutung
in Hinblick aif einen Krieg in absehbarer Frist zukommt, belegten und
belegen die hier vorgelegten Quellen. Die deutsche Historiker-Zunft mag
es begrüßen oder nicht: es geht um den Kriegsentschluß des
Kaiserreiches vor 1914.
Dazu wird das Spektrum des innenpolitischen Kräftespiels im Deutschen
Reich, gerade unter dem dezidiert entwickelten Blickwinkel des
Sicherheitsaspektes im Innern, angesicht von Staatsstreich-,
Anarchismus-, Streik-, Revolutions- und Bürgerkriegsdrohung aus der
Sicht der Militärbehörden schärfer konturiert und damit der Weg in den
Ersten Weltkrieg ergänzend unter dem Aspekt der Kriegsvorbereitung
beleuchtet. Die These der Düsseldorfer Schule, es sei auf Grund der
inneren Strukturen des Reiches (informeller Regierungsstil Wilhelms
II.), von einer "Polykratie", d. h. der vielfach behaupteten, jede
Entscheidung paralysierenden "Zerklüftetheit der Entscheidungsträger"
in Berlin auszugehen, diesem Erklärungsversuch im Gefolge Gerhard
Ritters, wird hier, mit Blick auf die Institution der
"Krisenkonferenzen" im Kaiserreich, der Boden entzogen. Wie dieser
Begriff durch Wolfgang Mommsen adaptiert, und damit die Düsseldorfer
Argumentation obsolet wurde, ist in dem abschließenden Beitrag zur
deutschen "Policy of Pretention" zwischen 1905 und 1914 entwickelt.
Dass das Reich im Kriege nicht den allseits erwarteten militärischen
Erfolg erzielte, war u.a. in den tiefliegenden Defekten des deutschen
Staatswesens und dessen Streitkräften begründet. Ein in den
gesellschaftlichen Strukturen erstarrtes Staatswesen hatte die Zeichen
der Zeit nicht erkannt. Mittelmäßiges Management, veranlasste
schließlich Fehlschläge (Marneschlacht) die irreparabel waren. Der
Krieg, so wie er politisch und militärisch gedacht war, ging verloren.
Ein vierjähriges, verlustreiches und nutzloses Ringen folgte. Alle
Beteiligten verloren in der Folge ihre - bis dato - errungenen
Positionen als Groß- oder Weltmächte. |